Über das Lernen.

Aus der Kategorie »just people«

Also: Erstmal über mein Lernen. Das hier ist ja eines von diesen OldSchool-Blogs, da darf ich mit anekdotischer Evidenz kommen. Und auch mit Fachausdrücken direkt im ersten Satz.

Beginnen wir mit einem Geständnis: Ich kann nicht lernen. In der Grundschule flog mir alles zu und ich war Klassenbester und deswegen habe ich nie gelernt, zu lernen. Und deswegen habe ich meine Schullaufbahn dann auch mit dem schlechtesten Abi seit 10 Jahren (oder so) beendet. Danach bin ich dann noch komplett am System Uni gescheitert und dann hab ich mir selbst beigebracht, was ich heute tue.
(Was vielleicht ja bedeuten könnte, dass ich doch lernen kann?)

Seit ein paar Wochen lerne ich Englisch. Also genauer: Ich treffe mich einmal die Woche in einer Sprachschule mit (m)einer Lehrerin und wir reden eine Stunde über dies und das. Und wenn ihr auffällt, dass ich etwas falsch mache, dann reden wir darüber und sie zaubert Arbeitsblätter dazu aus der Tasche.
Nach längerem Überlegen war ich zu ihr gegangen, weil ich die kläglichen Reste meines Leistungskurs-Wissens so furchtbar … – na eben kläglich fand. Sie bestätigte mir B2-Niveau und verstand nicht ganz, was ich wolle – aber ich geh trotzdem und liebe jede Minute; oft ist die Stunde das Highlight meiner Woche.
Ich liebe den Input, ich liebe den konzentrierten Umgang mit einem Thema – ich schätze, ich liebe das Lernen.

Stellt sich ja die Frage: Wie kommt das denn jetzt?

Gestern saß ich in Aachen in einem Cafe und hörte zwangsweise das Gespräch am Nebentisch mit. Schnell war klar, dass dort zwei zukünftige Grundschullehrerinnen saßen. Die eine jetzt frisch, die andere schon ein Jahr im Referendariat.
Ich zitiere mal ein paar Gesprächsfetzen:

  • Schon anstrengend, jetzt nur noch sechs Wochen Ferien im Sommer zu haben. Sind denn wenigstens da auch wirklich Ferien oder will das Seminar dann noch was von uns? Ostern waren ja auch nur zwei Wochen in der Sonne, das reicht einfach nicht
  • Ach, ich hätte so einen tollen Flug nach New York gehabt, aber da wär ich am letzten Feriensonntag abends um elf zurück geflogen. Letztens hat schon wer im Seminar wegen Urlaub gefragt und die haben ganz komisch reagiert. Viel zu streng, man muss da offensichtlich echt immer hin, oder?
  • Aber ich muss dringend mal wieder nach New York. – Ja, Amerika ist so toll. Und so billig! – Die anderen sagen ja immer, Thailand wäre auch so schön, aber da ists ja arg fremd. Da sind bestimmt auch Tiere, so wie in Afrika. – Ja und auch die Menschen ganz fremd; ich war ja letztens in Rom, aber das ist ja schon ne andere Mentalität, das mag ich nicht so. Deswegen flieg ich ja nach Amerika, die sind so wie wir. – Ja, nur cooler! Hahaha …

Ungefähr da konnte ich meinen Drang, den Kopf auf den Tisch zu schlagen nur noch mit lästernden Tweets (Hashtag: #referendarinnenamnebentisch) bekämpfen und fasste schließlich meine Fassungslosigkeit zusammen:

Aber vielleicht beinhaltet diese Aachender Anekdote ja doch auch irgendwie die Antwort auf die Frage am Ende meiner Lern-Anekdote.
Oder, wie mal ein kluger Mensch sagte: „Wir müssen dafür sorgen, dass nicht mehr die schlechtesten, sondern die besten eines Schuljahrgangs den Lehrberuf ergreifen“ (An mitlesende Lehrerinnen: No offense intended)

Die beiden verabschiedeten sich dann übrigens voneinander, gingen auseinander, merkten, dass es die falsche Richtung war, drehten synchron um, dengelten zusammen und stellten dann fest, dass für beide die dritte Richtung die richtige wäre. Dann sagte das erste mal der Freund der einen was: „Pass aber auf, die A4 ist hinter dem Aachener Kreuz voll gesperrt“
Die andere (wie vorher erzählt in Aachen geboren und aufgewachsen): „Was ist denn die A4?“


Ähnliche Artikel lesen?

Außerdem schrieb ich zum gleichen oder ähnlichen Themen auch noch …

Ich finde den Artikel super!

Das freut mich natürlich sehr.

Du kannst den Artikel weiter verbreiten
Du meinst, der Artikel könnte auch anderen gefallen? Dann findest Du etwas weiter oben auf dieser Seite, direkt rechts unten am Artikel ein paar Buttons. Damit kannst Du den Artikel per eMail, Twitter, facebook oder google+ weiter verteilen. Ich würde mich darüber freuen.

Mir ein Geschenk machen? Uiuiuiui.
Gefallen Dir meine Artikel immer wieder, schöder Mammon ist Dir aber zu doof? Dann mach mir doch eine Überraschung: Hier findet Du meine amazon-Wishlist mit ausgesuchten und garantiert Freude spendenden Präsenten zwischen fünf und zweitausenfünfhundert Euro – da ist bestimmt was passendes dabei.

Geld? Wow.
Ist Dir mein Artikel darüber hinaus sogar noch etwas wert, dann findest Du bei den Icons zum Verbreiten des Artikels einen flattr-Button. Jeder Euro, der darüber reinkommt geht direkt weiter an netzpolitik.org.

Wer? Was? Warum?

Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

2 Reaktionen

Am 14.04.2016 um 10:11 Uhr ergänzte Vanessa:

Auf Basis anekdotischer Evidenz behaupte ich, dass erfolgreiches, schulisches Lernen sehr von der Persönlichkeit des Lehrers/der Lehrerin abhängt. In diesem Beruf hat die Fähigkeit bzw. die mangelnde Fähigkeit des Einzelnen halt mehr Auswirkungen auf andere als, sagen wir, beim städtischen Grünpflegeamt. Eine schlechte Lehrkraft kann einem das beste und interessanteste Thema verleiden, eine gute Lehrkraft einen für das schlimmste denkbare Thema begeistern. Es ist genauso wie mit guten Führungskräften: Klar, Fachwissen, aber es kommt doch vor allem darauf an, die Leute mitzunehmen und zu begeistern. Leidenschaft für Menschen halt. Der eine hat sie, der andere nicht. Dumm halt, wenn’s am Ende nicht zusammenpasst.

Abgesehen davon gibt es viele gute und motivierte Lehrer/innen und Dozent/innen, ich habe zahlreiche erlebt – um hier mal Lanze zu brechen, das kommt ja immer viel zu kurz. Wer die Vorzüge haben möchte, die dieser Job zweifellos mit sich bringt, dem steht es ja frei, ihn zu ergreifen; Debatten auf Basis von „12 Wochen Ferien im Jahr“ finde ich da immer wenig zielführend (allgemeine Anmerkung, nicht bezogen auf den Blogpost).


Am 15.04.2016 um 6:10 Uhr kommentierte Christian:

Da ich ja eine Fachfrau für Lehren und Lerntheorien im Haus habe, möchte ich Deine anekdotische Evidenz da voll unterstützen. Oder, allgemeiner: Es kommt so unfassbar viel auf die Methode an und da ist die sogenannte Lehrerpersönlichkeit (jaha!) kein unwichtiger Faktor. (Das ist ja, was mein eigenes Erleben auch komplett beweist)
Und jede die mal in der Schule war dürfte das eigentlich auch wissen. (Wobei es interessant ist, wie Eltern in dem Moment wo sie Eltern werden, rund um Schulerzeihungsfragen zu ihren eigenen Eltern mutieren. Aber das ist eine andere Geschichte)
In den heutigen Zeiten, wo Wissen immer leichter verfügbar wird, tendiere ich persönlich sogar dazu zu sagen, dass die Methode und die Person langsam wichtiger werden als die Fachkenntnis. Aber da stehe ich weit vorm Fenster auf dünnem Eis, das weiss ich. Aber es lohnt vielleicht, da mal drüber nachzudenken.

Ich will – und das liegt mir wirklich sehr fern – nicht den Lehrerberuf allgemein diskreditieren. Ich kenne natürlich auch ganz hervorragende Lehrerinnen und natürlich weiß ich aus erster Hand, dass viele der gängigen Vorurteile („Halbtagsjob mit 12 Wochen Ferien“) nicht stimmen.
Aber ich kenne zB mehr schlechte als wirklcih gute Lehrkräfte (und mehr schlechtes als gutes System), deswegen reib ich mich an dem Thema immer wieder so auf.

Und so halte ich, sowohl aus eigener Lehramts-Studienzeit als auch aus heutigen Beobachtungen in the wild die oben beschriebenen Exemplare für nicht untypisch. Und das ist dann nicht nur ein anekdotisches, sondern eben auch ein systematisches Problem. Eines was schwer zu packen ist, das ist klar.


Dein Kommentar:

Du möchtest auch so ein hübsches Bild am Kommentar haben? Die Bilder gibts bei gravatar.com
Die Bedingungen für das Buchen eines kommerziellen Kommentars findest Du hier.