Dies ist das archivierte jawl.


jawl bedeutet „just another Weblog“ und war vom 6.4.2001 bis zum 4.1.2018 das Blog von Christian Fischer. Das Blog wird nicht mehr weiter geschrieben, bleibt aber als Archiv online. ’cause: Don’t change a running URL ;)

Über die Empörung

Ich tue jetzt etwas Dummes: Ich schreibe jetzt anhand eines tagesaktuellen Ereignisses über Empörungswellen im Web.

Letztens zum Beispiel, da hatte ein Schuhhersteller eine Unterführung mit Werbung beklebt. Das war ärgerlich, weil da sonst immer Konzert-Ankündigungen hingen. Und besonders ärgerlich, weil der Schuhhersteller sonst doch gerne auf Konzerten und mit Konzerten wirbt. „Kann man also auch nicht mehr kaufen”, las ich.

Oder als da heute Morgen eine Werbung für ein „Jungs”-Buch auftauchte. Also, ein Bild, eine Karikatur, eine einzelne Seite ohne Zusamenhang – oder war’s ein Plakat? Das war sexistische Kackscheiße, dieses Bild und die Welle ging hoch.
Zu Recht.

Ich musste an eine Geschichte denken, die sich begab, als ich in der Oberstufe war.
Damals hatte Bundestagspräsident Jenninger eine Rede (wer damals nicht dabei war: Hier steht mehr.) gehalten, die (vereinfacht formuliert) so arg ungeschickt formuliert war, dass hinterher niemand mehr wusste, ob jetzt gerade Herr Jenniger oder Herr Himmler sprach. Das darf einem Bundestagspräsidenten nicht passieren, also ging er.
Nee. Er ging, weil

„Das mediale Echo in Deutschland, bei dem es zu falschen Zitaten und unzulässigen Verkürzungen kam, verheerend war. Unter diesem Eindruck trat Jenninger bereits am darauffolgenden Tag vom Amt des Bundestagspräsidenten zurück.
(Wikipedia)

Unsere Geschichtslehrerin nahm diesen Anlass, um endlich mal tagesaktuellen Unterricht machen zu können, besorgte die Rede und befahl uns: „Lesen Sie Zeile 48-165!”
Auf unsere Frage, ob wir denn jetzt da Himmler oder Jenninger lesen würden, reagierte sie empört – das wäre doch egal, wir sollten das jetzt lesen und dann würden wir schon selber zu dem Schluss kommen, dass ein Bundestagspräsident gegenüber den Juden nicht so eine Haltung zeigen dürfe. Oder anders: Auch sie wollte uns – ohne die lästige Auseinandersetzung mit dem was passiert war – auch nur auf die bequeme, schnelle Empörungswelle bringen.

Um das nochmal klar zu sagen: Selbst wenn Jenninger damals im Nachhinein weitestgehend rehabilitiert wurde, halte ich seinen Rücktritt immer noch für richtig. Allerdings finde ich nicht, dass er zurücktreten musste, weil er Nazipropaganda gemacht hat. Sondern weil sein Amt verlangte, bessere, eindeutigere Reden zu schreiben.

Kommen wir zurück zu den Schuhen. Erste Frage: Wer ist Converse (denn um die ging es ja). Die Firmenleitung? Die Menschen, die die Schuhe nähen und kleben? Die Marketingmenschen? Die Pressesprecher? Die in Amerika, in Europa, in Deutschland? Wer hat die Plakate geklebt? Wem schade ich, wenn ich jetzt die Schuhe nicht mehr kaufe, weil ein Plakatkleber ohne nachzudenken geklebt hat? Ich weiß es nicht.

Kommen wir zu dem Plakat/Bild/whatever da heute durch meine Timeline rauschte. Ja, das Bild alleine ist sexistische Kackscheiße. In welchem Zusammenhang steht es? Hat mal jemand das Umfeld gesehen? Kommt es aus einem Buch, in dem die Entwicklung eines Teens vom Vollpfostenchauvi zum netten Kerl erzählt wird? Hat schon jemand den Verlag gefragt? Nachdem ich las „…und bestimmt sagt der Verlag wieder »ist doch lustig«…”, nehme ich das zum aktuellen Zeitpunkt nicht an.
Ich weiß das alles nicht.

Aber es ermüdet mich, dass ich so unfassbar selten mitbekomme, dass sich jemand da draußen diese Fragen stellt. Vor vier Tagen haben wir alle noch geliked, wenn „die Medien” durch den Kakao gezogen wurden. Wir haben Petitionen gegen „die Journalisten” beklickt, weil die in der Hektik unfassbar scheiße gearbeitet haben. (Ja, haben sie.)
Heute wird ein Verlag durchs Dorf getrieben, weil irgendwer irgendwo ein Bild aufgetrieben und geteilt hat. Und zwar innerhalb von wenigen Stunden. Find the mistake.

Noch einmal: Wenn es das Bild gibt …, wenn es Werbung für ein Buch ist …, wenn es ernstgemeint oder „ist doch aber lustig”-ernstgemeint ist – dann freue ich mich über jeden Tweet, über jeden Blogartikel, über alles, was Verlag und Autor_in sagt: „Das. Ist. Kackscheiße. Und es gibt im Jahr 2015 eine Menge Menschen, die sich darüber aufregen.
Aber ich weiß das alles nicht.

Und trotzdem ich das hier schreibe, trotzdem ich jeden zweiten Absatz betone, dass ich weder überklebte Clubkonzert-Plakate noch sexistische Kackscheiße noch Jenningers Rede gut finde, habe ich Angst davor, wann der erste Kommentar mir Frauenfeindlichkeit vorwirft.
Und das sagt eigentlich alles.

Ich tue jetzt etwas Dummes: Ich klicke jetzt auf „Veröffentlichen”.

Edit: Ich hatte oben zuerst Bundespräsident statt Bundestagspräsident stehen.

35 Antworten zu “Über die Empörung”

  1. Dentaku sagt:

    Jenninger war Bundestagspräsident. Das ist in dem Zusammenhang vielleicht nicht ganz unwichtig.

  2. Isabo sagt:

    Das ist doch alles viel zu differenziert! Empör dich doch mal!

  3. Dentaku sagt:

    Und on topic: ja, ich finde es auch immer gut, erst die Fakten zu überprüfen. Danach ist von der Empörung oft nicht mehr so viel übrig. Vielleicht schreibe ich deshalb so wenig empörte Tweets und Artikel sondern lasse eher große Teile des Tagesgeschehens unkommentiert.

  4. Kiki sagt:

    Ich schaffe noch kein ganzes Empörungsfasten, aber ich komme der Sache näher. Ich habe einfach keine Lust mich aufzuregen und noch dazu über Sachen, die mich eigentlich nichts angehen. Ich habe keine Kinder, also ist mir völlig latte, was der Kinderbuchverlag da treibt. Ich trage ungern Chucks, ich wohne auch nicht in der Schanze, die S-Bahn Unterführung ist dort eh so versifft, da ist mir komplett wumpe, was da für Plakate kleben, ich gucke da sowieso nicht hin. Ich ekele mich vor dem Begriff Kackscheisse und könnte mich noch am ehesten darüber aufregen, mit welch kindlicher Freude und Wiederholungswut das Wort in jedem zweiten Satz angebracht wird. Und wie ich infantiles Verhalten bei Kleinkindern am besten ignoriere, ignoriere ich das bei vermeintlich Erwachsenen möglichst genauso.

  5. Christian sagt:

    Wenn ich Deinen Kommentar lese, Kiki, da bietet sich mir an, ihn zusammenzufassen: Mir ist alles egal, was nicht ich bin“ Ist das wirklich so?

  6. Kiki sagt:

    Nö. Aber Aufregung bringt gar nichts, ausser, dass es mir schlecht geht. Und es gibt genügend Dinge, die mich betreffen, über die ich mich eher aufregen müsste, wenn ich denn wollte.

    Soll ich jetzt meine Chucks in die Tonne werfen, weil die Mediaagentur irgendwo was geklebt hat, wo es nicht hingehört? (Wo auch sonst nichts hingehört, aber das entscheiden im Zweifel die Gallier im Dorf Sternschanze, dem ich nicht angehöre?)

    Soll ich ein Buch boykottieren, das ich mir ohnehin nicht gekauft hätte? Oder gleich den Verlag, aus dem ich u.a. ein paar heiss geliebte Lindgren-Bücher (noch in der politisch unkorrekten Fassung) besitze?

    Ich boykottiere Aufreger, die für mich keine sind. Schlimm?

  7. Christian sagt:

    Schlimm ist gar nix.

  8. […] leiste mir den Luxus, zu vielen Dingen keine Meinung zu haben.  Ich verstehe aber den Ärger und die Sorge des Herrn jawl, ich spüre das auch. Die Konsequenzen, die so ein vorschnelles Urteilen für die involvierten […]

  9. dorothy_jane sagt:

    Ich möchte dir noch ein Manifest von Stéphane Hessel ans Herz legen, das „Empört Euch!“ heißt – ein sehr kleines Büchlein gefühlt nur 5 Seiten.

    Hessel, ein Kämpfer der Résistance in Frankreich zur Zeit des WWII, sieht Empörung als Vorstufe des Widerstands und friedlichen (!) Widerstand als Voraussetzung neues zu schaffen.

    Sehr spannend das zu lesen – und auch auf kleinere Umstände herunterzubrechen.

  10. marco sagt:

    Na das war jetzt wirklich dumm. ;-)

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