Dies ist das archivierte jawl.


jawl bedeutet „just another Weblog“ und war vom 6.4.2001 bis zum 4.1.2018 das Blog von Christian Fischer. Das Blog wird nicht mehr weiter geschrieben, bleibt aber als Archiv online. ’cause: Don’t change a running URL ;)

Über Fremdenfeindlichkeit und Veränderungen

Ich könnte Frau Herrmans Worte verstehen, wenn ich mir vorstellte, Kultur sei etwas statisches. Wenn ich dächte, dass alles exakt so, wie JETZT in diesem Moment – oder vielleicht vor zehn Jahren (als alles noch viel besser war) – richtig und gut, abendländisch und deutsch ist, dann ist diese, meine kleine Vorstellung von Kultur und Leben natürlich in Gefahr.
Wenn ich dann noch fest daran glaubte, dass es verschieden wertige Kulturen gib… – ach nee, das darf man ja nicht mehr sagen – wenn ich also glaube, dass meine Kultur die beste unter lauter gleichwertigen Kulturen ist, dann ist diese, meine kleine Vorstellung von Kultur und Leben natürlich erst recht in Gefahr.

Und ich glaube, da liegt einer der Schlüssel. Denn natürlich war das noch nie so, ist nicht so und wird auch vermutlich nie so sein.

Die sogenannte Kultur eines Landes, eines Landstriches, einer Ortschaft ändert sich ja schon, wenn jemand aus dem anderen Dorf in meines zieht. Wer – wie ich – auf dem Dorf groß geworden ist, der weiß zwar, dass auch das manchmal schwierig sein kann, aber schon wenn das eine Dorf „Küchenmesser“ zum Küchenmesser sagt und das andere „Hümmelken“, dann ändert sich ein ganz winzigkleines bisschen Kultur. Und ein paar Generationen später kennen beide Dörfer beide Begriffe.

Und so hat sich auch in unserem Deutschland eine wilde Mischung aus den vielen irgendwann zu Deutschland zusammengefassten Herzogtümern, aus bayrischer Gemütlichkeit und nordischer Kargheit zu etwas zusammengefunden, was wir deutsch nennen. (Ja, ich weiß, dass sich der Deutsche noch immer mehr regional als national definiert) Wir parken die 2 (arabische Zahlen) SUVs (englische Abkürzung) in französichen Garagen. Usw.

Und nur wenn ich glaube, dass exakt diese Mischung zum exakt jetzigen Zeitpunkt der einzig mögliche Zustand ist, dann muss es mir Angst machen. Dann bleibt mir nichts anderes, als dahinter eine böse Absicht, perfide Pläne geheimer Organisationen oder Kreisgtreiberei zu vermuten. Weil ich mir nichts anderes vorstellen kann.

Aber: Things change. Schon immer. Und das ist auch gut so, denn sonst würden wir noch immer ängstlich aus dem Wasser heraus auf die Bäume schielen. Und statt endlich drauf und später wieder runter zu steigen, würden wir überlegen, wie wir uns vor diesen bedrohlichen Dingern verteidigen können.

Ist aber zB Frau Hermanns Blick auf Kultur so eng, dann hat sie – in ihrer Welt – Recht: Die Kultur wie sie sie jetzt kennt wird sich ändern, wird am Ende nicht mehr so, evtl nicht mehr da sein. So wie sie sich schon seit Jahren ändert, so wie die gutbürgerlichen Gaststuben weniger geworden sind und es dafür Döner- und Burgerläden gibt. So wie tante Emma-Läden weniger werden, so wie es kaum noch Hufschmiede, Korbflechter und Kutschenbauer gibt.
Oder wie es Rom – in der Form wie es mal war – zum Beispiel auch nicht mehr gibt.

Veränderung eben.

Aber warum so Angst vor der Veränderung?
Ich denke, die eine Hälfte hat Angst vor Veränderung, weil Veränderung für sie einen Abstieg bedeuten würde. Bin ich Bürgermeister in einem traditionell deutschen, konservativen Dorf, dann bedeuten Ausländer, „Gutmenschen“, andersdenkende, Freigeister für mich vielleicht weniger Wähler, sie greifen meine Privilegien an. Vielleicht bin ich nach der nächsten Wahl nicht mehr Bürgermeister, wenn zu viele von denen kommen.
(Das führt einen ja ganz am Rande zu einem etwas größeren Gedanken: Bin ich Bundeskanzlerin, dann bedeutet sowieso jede Veränderung einen Abstieg.)

Die andere Hälfte hat Angst vor Veränderung, weil bisher in ihrem Leben jede Veränderung eine Verschlimmerung bedeutete. Neue Schule? Es wurde schwerer. Schule zu Ende? Arbeitslos. Neue Hartz4-Gesetze? Strengere Regeln. Alles wird teurer, alles anstrengender.

Und die dritte Hälfte, die hat vielleicht Angst, weil sie meint, Veränderung bedeute einen Abstieg. Die hat sich vielleicht gerade so viel erarbeitet, dass sie das Gefühl hat, es geschafft zu haben und das soll jetzt so bleiben.

Und ich glaube, diese Angst der Mitte, die ist auch menschlich. Nicht jeder von uns ist ein Amerika-Entdecker, der aufs Geradewohl nach Westen fährt ohne zu wissen, ob da noch was kommt.

Aber zwischen nicht nach Westen-segeln und alles Fremde anzünden ist ja viel, viel, viel Platz.

2 Antworten zu “Über Fremdenfeindlichkeit und Veränderungen”

  1. Thomas sagt:

    Und bei der vierten Hälfte ist es dann so, dass alles, was jenseits der eigenen Beurteilbarkeit liegt, was fremd und nicht einschätzbar ist, was den eigenen Horizont um Meilen übersteigt, einfach nur bedrohlich wirkt und unreflektiert abgelehnt wird – frei nach dem alten (deutschen) Sprichwort „Was der Bauer nicht kennt …“.
    Aber es ist ja nun mal so (Achtung, englisches Sprichwort): „The proof of the pudding is in the eating.“
    Will heißen, wer sich nicht aus der vermeintlich sicheren Deckung seiner verschrobenen Bürgerlichkeit und Deutschtümelei herauswagt, wer es nicht hinbekommt seinen Horizont zu erweitern und auf alle Menschen offen zuzugehen, der steht in unserer sich ständig wandelnden globalen Gesellschaft schnell alleine auf „verlorenem Posten“, driftet ab, wird selbst der Fremde …

    Vielen Dank für diesen offenen Kommentar.

  2. […] Über Frem­den­feind­lich­keit und Ver­än­de­run­gen Chris­tian bringt es – mathe­ma­tisch nicht ganz kor­rekt – auf den Punkt: „Und die dritte Hälfte, die hat viel­leicht Angst, weil sie meint, Ver­än­de­rung bedeute einen Abstieg. Die hat sich viel­leicht gerade so viel erar­bei­tet, dass sie das Gefühl hat, es geschafft zu haben und das soll jetzt so bleiben.“ […]

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  • Veränderungen, Elektroautos, bereuen – 1ppm von Johannes Mirus
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