Vereins-Website an einem Nachmittag?

Aus der Kategorie »just read«

Sehr geehrter Herr Braun,

heute fand ich die neue c’t im Briefkasten und als ich las, dass es »Web-Entwicklungstools für Einsteiger und Fortgeschrittene« gab, war ich – als Webworker – natürlich neugierig. Ich stieß dann auf Ihren Artikel »Vereins-Website an einem Nachmittag«. Und würde gerne ein, zwei Worte dazu sagen.

Website an einem Nachmittag

Fangen wir mal damit an: Natürlich hoffe ich, dass »an einem Nachmittag« bildlich gemeint ist. Oder? Sie nutzen ja weiterhin lustig Zeitangaben, die dem Leser zeigen, wann er was erledigt haben kann … – na, schaun wir mal.

Um 14:00 beginnen Sie mit »Layout und Struktur«. Sie erwähnen YAML, Blueprint und Bootstrap, kommen dann aber – wir haben ja schließlich keine Zeit – zu einem Open Source-Template, wo man nur »die Header-Grafik austauschen muss«.
Ich bezeichne solche Sätze gerne als »tödliche-nur-Sätze«. Sätze, die so lapidar hingeworfen sind, den Laien – und auch den durchaus Computer-versierten Laien aber gerne mal vor stundenlange Probleme stellen können. Schauen Sie sich in den gängigen Foren um und Sie wissen, dass schon das Verkleinern eines Bildes unter Beibehaltung der Proportionen Menschen überfordern kann.

Außerdem: Viele Menschen finden, dass das Anwerfen der Google-Bildersuche gleichbedeutend ist mit der Auswahl eines Bildes. Ein Hinweis auf die Unterschiede zwischen frei verfügbaren, kostenpflichtigen und/oder kommerziell nutzbaren Bildern und auch Vorlagen wäre an dieser Stelle sehr schön gewesen.

Die erste halbe Stunde dürfte also schnell zwei bis dreimal vergangen sein. Und eigentlich geht es so weiter – Sie haben da zwar eine hübsche Auswahl von wirklich netten Tools und Scripts zusammen gestellt, keine Frage. Aber wenn ich in einem Nebensatz lese …

Testen können Sie das mit einer lokalen Webserver-Umgebung – auf der DVD finden Sie für diesen Zweck den Klassiker XAMMP

… dann zweifle ich doch arg an der Praxistauglichkeit ihres wohlgeplanten Nachmittags. Auch an anderen Stelle steigt das Niveau Ihres Artikels immer wieder mal überraschend an, es kommen wieder Nur-Sätze und ohne solides HTML-Wissen verbringt man die nächste Stunde damit zu suchen, wo »nur eben eine Klasse entfernt wird«. Zeitplan ade.

Aber mein eigentliches Problem ist ein ganz anderes.
Falls Sie selbst schon einmal eine »überzeugende« Website für einen Verein erstellt haben, dann könnten Sie wissen, wie viel Arbeit VOR dem ersten Öffnen des HTML-Editors liegt.

Abgesehen davon, dass Vereine im speziellen meist vollkommen unstrukturierte Gebilde sind, in denen jede und jeder mitreden will und die Materialsammlung für eine (neue) Website gerne mal ein halbes Jahr dauert, ist es eben nicht damit getan, alle Inhalte, die man gerne hätte irgendwie untereinander aufzulisten. Firmen sind übrigens oft nicht anders.

Eine gute Website, eine professionelle Website, die zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass alle Inhalte – egal ob in monatelangen oder konzentrierten Brainstormings zusammengestellt – gut strukturiert dem Besucher angeboten werden. Die bietet dem Besucher an jeder Stelle das Gefühl der Orientierung, die zeigt ihm, wo er gerade ist und was es sonst noch so gibt. Die lenkt ihn unauffällig an die Stellen, die wir als Anbieter gerne betonen möchten, ohne dabei etwas anderes zu unterschlagen. Die bietet ihm einen Mehrwert und sorgt so dafür, dass der Besuch auf der Website als positiv in Erinnerung bleibt und ist so ein gutes Aushängeschild für (in diesem Falle) den Verein.
Eigentlich sind das Binsenweisheiten, die mir aber nach Lektüre Ihres Artikels mal wieder erwähnenswert erscheinen.

Zum Erstellen einer guten Website gehört also die Sichtung, Auswahl und Strukturierung der Inhalte: Also auch eventuell, hier oder da etwas erst gar nicht zu veröffentlichen; auch wenn der Materialwart gerne eine vollständige Liste aller vorhandenen Federbälle-Härtegrade online hätte.
Dann erst gilt es, diese Inhalte in Texte zu fassen, die gut lesbar sind, so dass man als Besucher nicht nach dem zweiten Absatz aussteigt. Texte, die übrigens nebenbei noch ein paar der wichtigen Begriffe für die Suchmaschinen enthalten und die man semantisch vernünftig in HTML gießen kann.
Wer – wie vermutlich aus Word gewöhnt – zwar fette, kursive und farbenfrohe Formatierungen beherrscht aber noch nie über die Semantik eines Textes nachgedacht hat, der verliert hier viel Potential.

Dass Sie in einem Verein mit nahezu hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit wenig gute Bilder bekommen – sondern höchstens Material, was mit aufwändiger Nachbearbeitung irgendwie dafür taugt, den Verein weltweit zu repräsentieren – damit fange ich erst gar nicht an.

Damit, dass Untersuchungen immer mal wieder zeigen, dass der erste Eindruck von einer Website schon feststeht, bevor der Besucher das erste Wort gelesen hat und wie wichtig somit ein gutes Screendesign ist, auch nicht.
Naja, beides würde ja auch Ihr für diese Dinge eingeplantes Zeitkontingent von 14:00 bis 14:30 sprengen.

Fassen wir zusammen: Für Sie ist die Erstellung eines »überzeugenden« Webauftrittes nur die Kenntnis der richtigen Scripts und Tools. Inhaltliche wie gestalterische Arbeit kommt bei Ihnen nicht vor.
Entschuldigung: Das ist nicht überzeugend, das ist Basteln.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe nichts gegen Basteln und ich weiß, dass engagierte Vereinsmitglieder überall viel Arbeit und Herzblut in ihre Seiten stecken und auch tolle Ergebnisse erhalten. Sicherlich ist für jemanden, der das tut, Ihr Artikel auch hilfreich.

Aber:
Erstens brauchen auch diese Bastler länger als einen Nachmittag.

Und zweitens gehört – wie schon angerissen – so viel mehr zu gutem Webwork, dass ich kaum weiß, wo ich anfangen soll. Sie vergessen die redaktionelle Arbeit, das Screendesign, Sie vergessen, dass es ein Handwerk, wenn nicht sogar eine Kunst ist, lesbare Texte zu produzieren und – wie gesagt – von Fotos will ich erst gar nicht anfangen.

Tun Sie also doch bitte nicht so, als wäre mit ein bisschen jQuery alles getan, das ist populistisch.

Nun mögen Sie sagen: es bleibt doch jedem Verein überlassen, ob man dem Kassenwart noch eine Aufgabe gibt oder jemand professionelles einkauft. Ja, richtig. Für diese Entscheidung hätten Sie nur in Ihrem Artikel auf den Unterschied Ihres Workshops zu professionellem Webwork eingehen müssen.

Abschließend: Besonders schade finde ich, dass Sie mit diesem Artikel in einem Maße auf den »Webdesign ganz einfach«-Zug aufspringen, den ich bisher nur bei den Schwesterzeitschriften kannte, die ich im Niveau weit unter Ihnen vermutet hätte.
Ich werde dann vermutlich demnächst nicht nur damit kämpfen, dass die Computer-Bild sagt, »so eine Website wäre doch ganz einfach« – sondern eben auch die c’t. Und dabei – da bin ich mir vollkommen sicher – wissen Sie es eigentlich besser.


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13 Reaktionen

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Am 15.06.2013 um 16:33 Uhr schriebstadtnarr:

dat bisken Rumgefukkel.


Am 15.06.2013 um 16:48 Uhr kommentierte serotonic:

Hier, ich unterschreibe jeden Satz.


Am 15.06.2013 um 19:47 Uhr sprach Matthias Mees:

Schlägt Herr Braun in diesem Artikel (ich habe ihn nicht gelesen) eigentlich auch ein CMS vor und möchte ich wissen, welches?

Ich hatte übrigens neulich einen Herrn von einem Verein bzw. Verband am Telefon, der sich die Website von so einer, sagen wir mal, „Einrichtung“ hat bauen lassen, die mit „schnell und billig“ argumentiert. Ergebnis: Website (unbemerkt) seit einem haben Jahr offline, weil auf dem dazu passend gereichten Webspace und/oder im verwendeten CMS Schadsoftware zum Einsatz kam. Nun hat er die Nase voll von sowas.


Am 15.06.2013 um 19:50 Uhr schriebChristian:

Nö, CMS gibts keins. Ich zitiere:

… und habe ein Fertig-Layout … von oswd.org … kopieren Sie die Html-Vorlage so oft wie Sie sie brauchen.


Am 16.06.2013 um 1:19 Uhr kommentierte Herbert Braun:

Ja, der Zeitplan im Artikel ist sehr ambitioniert. Ja, so schnell klappt das nur, wenn man sowas schon das eine oder andere Mal gemacht hat. Und natürlich setze ich im Artikel – leider nicht explizit, das kritisieren Sie zu Recht – voraus, dass das Material bereits da ist (die sicher langwierigen Besprechungen mit dem Vereinsvorstand sind in meinem Beispiel auch nicht eingeplant). In dem Artikel lag der Schwerpunkt offensichtlich auf den Tools, daher wollte ich mich beispielsweise nicht mit Hinweisen auf rechtliche Probleme bei der Bildbeschaffung aufhalten.

Ich nehme mal die Botschaft mit: mehr auf den Unterschied zwischen fiktiven Demos und realer Praxis achten.


Am 16.06.2013 um 12:35 Uhr wusste Carola:

Du hast sehr Recht und doch kenne ich auch die Seite des Autoren, der einen Text für genau so ein Konzept abgeben muss und es zähneknirschend tut (jaja, gibt immer jemanden, der es sich und seiner Ehre schuldet, das dann nicht zu tun, blabla, der hat aber auch noch nie in einer echten Notlage mit Kind gesteckt, denn da schrieb ich alles, buchstäblich alles, sogar Ghostwritng Social Media für indiskutable Leute). Und ich hab auch schon runde nette 10-Seiter mit realistischen Tipps abgegeben und durfte dann 3 Seiten „Website in 10 Minuten“ unter meinem Namen bestaunen, das allerdings hat mich dazu gebracht, diesen Kunden nicht wieder zu beehren, sobald ich es mir leisten konnte, denn das war null unter meiner Kontrolle und damit tatsächlich indiskutabel. Es muss also nicht zwingend der Autor gewesen sein, es kann auch einfach das Konzept mal leicht geschimmelt haben …

Hätte ich den CT-Artikel schreiben müssen, hätte ich übrigens concrete5 genommen :-) und ja, du hast Recht.


Am 16.06.2013 um 12:37 Uhr wusste Carola:

…. und dieses Fenster hatte ich gestern Abend geöffnet und den Kommentar eben geschrieben, daher ist die Rückmeldung von Herrn Braun nicht eingeflossen.

Der Teufel im Detail. Wie immer :-)


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