Dies ist das archivierte jawl.


jawl bedeutet „just another Weblog“ und war vom 6.4.2001 bis zum 4.1.2018 das Blog von Christian Fischer. Das Blog wird nicht mehr weiter geschrieben, bleibt aber als Archiv online. ’cause: Don’t change a running URL ;)

Verstehen ist nicht: Verständnis haben.

Warum ich so viel darüber nachdenke, wie es zu all dem kommen konnte, warum ich so viele Gedanken daran verschwende, wie aus vielen netten Deutschen AFD-Wähler werden konnten, wurde ich gefragt. Warum ich sogar Parallelen zum eigenen, liberalen Lebensweg suche? Man wolle jetzt etwas tun und nicht mehr nur nachdenken.
Man wolle auch gar nicht über die nachdenken, man wolle auch nicht mit ihnen reden, hörte ich manchmal im Nachsatz.

Ich kann beides nachvollziehen, sowohl den Drang zur Tat als auch die Scheu vor dem unangenehmen Konflikt.
Aber meine Antwort ist einfach: Ich denke darüber nach, weil mir das dabei hilft eine Haltung zu entwickeln.
Nicht, dass ich an meiner Haltung gegenüber Xenophobie, Hass, Bullying oder ähnlichem Crap noch etwas tun musste. Aber mir hilft es herauszufinden, was diese Menschen bewegt. Weil ich es verstehen möchte.
Jetzt ist „verstehen“ irgendwann ein kompliziertes, weil doppeldeutiges Wort geworden, man kann es als „begreifen“ und aber auch als „Verständnis aufbringen“ deuten.

Ersteres immer, zweiteres niemals.

Wenn ich jemandem verweigere, seine Gedanken zu hören zu wollen (Nicht: Sie ok zu finden! Nicht: Sie zu akzeptieren! Nicht: Sie gut zu heißen!), dann bin ich verflixt nah an der Grenze, auch ihn selbst abzulehnen. Kann ich einen Menschen ablehnen, weil er anders denkt als ich? Klingt vertraut, aber nicht gut vertraut, hm?

Dieser Unterschied ist mir wichtig und ich denke, den in einer Haltung zu betonieren ist eine der wichtigsten Aufgaben unserer Tage.
Sowohl „wir“ müssen lernen, da zu differenzieren, um sowohl felsenfest zur eigenen Position stehen zu können ohne dabei das Gegenüber zu verachten oder zu hassen. Gerade in Deutschland und gerade im Internet – so mein Gefühl – ist die Kunst, dem Gegner in jedem Moment stark gegenüber zu stehen ohne ihn dabei zu verachten nicht geübt.
Aber auch der Gegner muss wissen, dass ich seine Haltung immer und in jedem sich bietenden Moment bekämpfen werde – dass ich aber immer stärker bin als er, eben weil ich ihn dabei als Menschen achte.
Anmerkung: Den Begriff „Gegner“ nutze ich nur dann, wenn sich jemand entscheidet, mein Gegner zu sein. Ich weiß, „der hat aber angefangen“ ist ein schwaches Argument, aber wer damit droht Menschen meiner Meinung zu verletzen, vergasen, anzuzünden, der darf mit Gegenwehr rechnen. Maßvoller Gegenwehr, bevor jemand auf die Idee kommt, man wolle ja nur Menschen anzünden, weil die einem verboten hätten Witze über Frauen zu machen.

Aber zurück: Zu oft missversteht man die beiden Bedeutungen von „verstehen“, auch in den liberalen oder linken Kreisen. Das Bild vom fluffigen Sozialarbeiter, den man ja mit ein bisschen Gequatsche um den Finger wickeln kann kommt ja auch nicht von ungefähr.
Verstehen hilft mir, eine Haltung zu haben. Daher hilft mir, mich an eigene Provokationsmuster, an eigenen Hass, an eigene Ängste zu erinnern – um dann stark da zu stehen, um dann jedem sagen zu können: Ich weiß, Du hast Angst. Angst ist nicht schön und ich bin immer bereit, Dir aus Deiner Ansgt heraus zu helfen. Aber, not sorry, nicht auf Deinem Weg. Niemals. Nicht mit Hass und Gewalt als Lösung.

Um ein anderes Beispiel zu nehmen: Es ist wie als Lehrer in der Schule: Wenn ich begriffen habe, warum mein Schüler den Unterricht stört, warum er seine Mitschülern drangsaliert, dann kann ich mit ihm daran arbeiten, dann finde ich einen Zugang zu ihm. Will er nicht daran arbeiten bleibts bei der Strafe.
Nichts davon schönt seine Taten und auch nichts davon bewahrt ihn vor der Strafe.
Wenn ich ihn aber nach erfolgter Strafe als Menschen wieder aufnehme und mit ihm daran arbeite, wie er beides – Fehlverhalten und damit auch seine Strafe – demnächst vermeiden kann, dann habe ich eine reelle Chance, ihn noch zu erreichen.
Ist so, glaubt mir, ich habe das studiert ;)

Natürlich weiß ich, dass mittvierziger Wutbürger, vor allem in der Horde schwerer zu erreichen sind als Grundschüler. Aber das Prinzip bleibt das gleiche, denn bei einem bin ich mir sicher: Es hilft exakt gar nichts, Ihnen (weiterhin?) zu erklären, dass sie doof sind und stinken.

Ach ja, noch eine Anmerkung: Es ist an dieser Stelle sicher noch wichtig zu differenzieren, über wen ich eigentlich gerade spreche. Und das sind sicher nicht die in vorderster Front agierenden Hardliner. Die haben ihre eigenen machtgeilen Interessen und die „erreicht“ man auch nicht. Aber den Nachbarn, der wegen des Aslybewerberheims in der Straße schlecht schläft, der Freund, der erzählt, er wisse nicht, ob er nicht bei der nächsten Wahl, vielleicht auch das eigene Kind, das neue Freunde nachplappert. Mit denen möchte ich reden. Die kann man noch erreichen.

Nachtrag: Auch ganz interessant in diesem Zusammenhang: Was ich in 10 Jahren Diskussion mit Impfgegner_innen über postfaktische Kommunikation gelernt habe

3 Antworten zu “Verstehen ist nicht: Verständnis haben.”

  1. Anke sagt:

    So großartig geschrieben. So nah und ehrlich und konstruktiv und völlig ohne Wut und Hass. Danke!

  2. Anna sagt:

    Vielen Dank für diesen Text! Wirklich sehr gut geschrieben!

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