Vom Dateinamen zum Technik-Zweifel

Aus der Kategorie »just people«

tl;dr: Eine These: Wenn wir eine Technik so weit entwickelt haben, dass sie die Komplexität des Lebens annähernd komplett abbildet, flüchten wir zu einer neuen Technik, die wieder vieles uns verbirgt.

Vorhin lud ich mir aus Gründen ein ZIP mit ein paar offiziellen Pressefotos herunter. Vor einer – sagen wir mal – nicht kleinen Firma.
In dem ZIP stiess ich auf diese Dateien:

Bildschirmfoto 2015-04-15 um 14.44.37

Zur Erklärung: „SH” hat immerhin entfernt etwas mit dem Produktnamen zu tun.

Und so nach und nach waberte mir eine kleine Assoziationskette durch den Kopf, die mit Spott und Hohn über Menschen, die Dateien nicht brauchbar benennen können anfing und sich schnell viel weiter bewegte.

Ihr dürft jetzt und hier daran Teil haben:

Bei dem letzten richtig, richtig großen Job, den ich vor ca. einem Jahr begann und letzten Freitag abschloss, hatte ich versucht, Regeln für das Benennen von Dateien einzuführen. Ich hatte an so etwas wie kunde_2014-08-10_wasistinderdatei-version.eps gedacht, also an Dateinamen, die mir helfen, ohne dass ich sie öffnen muss. Ich merkte, dass mein Kunde mich im Gespräch groß anguckte und nickte; später merkte ich, dass er nicht begriffen hatte, was ich wollte. Noch etwas später begriff ich, dass er gar nicht in der Lage war, Dateien umzubenennen. (Ganz zum Schluss dann, dass er gar keine Dateien kannte, nur Fotos und Dokumente)
Das war also gründlich in die Hose gegangen.

Schaue ich in das vorhin geöffnete ZIP, dann sehe ich, das ist nicht ungewöhnlich.

Schaue ich mir an, wie meine Betriebssysteme seit ein paar Jahren versuchen, Dateien und das Dateisystem vor mir zu verstecken, dann verstehe ich das auch. Bilder werden vom mitgelieferten Bildbetrachter automatisch in den Bilderordner gelegt. Das Schreibprogramm will in „Dokumente” speichern und so weiter. Dass das alles nur Ordner sind, soll der User irgendwie gar nicht wissen. Dass man diese Vorgaben beliebig ändern kann ebenfalls nicht.

Nun denn.

Hat man das erste Mal nach einem Urlaub nicht wie sonst vier Schnappschüsse, sondern 765 Urlaubsbilder importiert, erkennt man die Schwäche des Systems. Nach dem zweiten Urlaub erst Recht.
Als Reaktion wurden die Bildbetrachter klüger – beziehungsweise: Sie versuchten es. Sie ordnen unsere Bilder nach „letzter Import” (das ist die Einstellung für alle die wissen, dass man sich seine Fotos sowieso nie wieder ansieht), oder überhaupt nach dem Datum, sie versuchen Personen zu erkennen oder schieben unsere Bilder auf eine Weltkarte.
Hat man die Geotags im iPhone nicht abgeschaltet, haben die Freunde keinen neuen wilden Frisuren und öffnet man seine Bilder nie in einem anderen Programm, welches das Dateidatum ändert, dann funktioniert das einigermaßen. Hat man einen guten Freund, der einem den „echt viel besseren Bildbetrachter” installiert, hat man leider verloren.

Meine Fotos sind in vielen, vielen Unterordnern sortiert, die alle im Namen sagen, was drin ist. 2014-07-05-zoo-dortmund oder 2013-10-15-closeup-bassbridge ist auch Jahre später sehr eindeutig.

Schauen Freund auf mein System sagen sie gerne „Das ist ja aufwändig, das mache ich nicht. Brauch ich aber auch nicht.” Will ich bei ihnen mal Urlaubsbilder gucken, sagen sie meist „Die müssten doch …, warte mal … hm, da fehlen jetzt noch die vom Ausflug ins Inland …, wo sind denn die…?”

Gedankensprung. Ich merke: Meine private Kommunikation hat sich in großen Teilen auf den facebook-Messenger verlegt. Leider; ich hasse das. Ich hasse, dass meine Kommunikation bei einem amerikanischen Anbieter mit undurchschaubaren Privacy-Einstellungen gespeichert ist, ich hasse, dass ich nicht suchen kann, was ich letzte Woche besprach, ich hasse die niedlichen kleinen Geräusche, die das Ding inzwischen macht.
Ich würde gerne eMails schreiben und bekommen. Ich bin da der letzte Mohikaner, so scheint es.

Schaue ich bei anderen Menschen ins eMail-Programm, stelle ich zuerst fest: Sie haben keins, sie nutzen GoogleMail. Weil: „Da kann man so gut suchen”. Und das filtert so klug vor. Und die Tags sind so praktisch. Und man kann von überall auf der Welt an die eMails.

Und deswegen liegen alle eMails in der Inbox und man vertraut darauf, dass Googles kluge Algorithmen das schon regeln. Tags benutzt keiner.

eMails haben Betreffzeilen; ich versuche sie mit Inhalt zu füllen. 70% der Mails meiner Kunden heißen „Homepage” oder „Website” oder „(ohne Betreff)”

In meinem eMail-Programm habe ich für jeden Schreib-Partner einen Ordner. Taggen könnte ich auch, wenn ich wollte. Ich hab ein IMAP-Postfach und einen Webmailer auf dem Server, ich komme an jedem Internetzugang auf der ganzen Welt an meine Mails. Dank VPN auch verschlüsselt und sicher aus dem McWlan. Dank GPG und S/MIME auch signiert und/oder verschlüsselt.
Habe ich mehr als 10 Mails in meiner Inbox werde ich nervös. Suche ich etwas von Person X, dann gucke ich in Person Xs Ordner.

Der facebook-Messenger, so habe ich gelernt, ist so praktisch, weil „man da immer sieht, mit wem man gesprochen hat”. Und weil er die anderen immer erreicht.
Ich gucke auf meine Ordner und verstehe es nicht. Ich gucke auf die Smartphones, die vor allen anderen Funktionen seit Dekaden einen eMail-Client haben und verstehe es nicht.

Und bevor das hier ein sehr unangenehmes „Ich bin super und Ihr nicht” wird:
Ja, ich habe mich für alle diese Dinge gekümmert. Gelernt, gelesen, ausprobiert, getestet, verworfen, richtig viel Zeit investiert. Das hat viel Zeit gekostet und ich weiß, diese Zeit hat nicht jede. Uns es will sie auch nicht jede haben, wenn sie Abends ihren Computer oder ihr Tablet in der Freizeit einfach gerne benutzen möchte.
Und ich weiß wirklich nicht, ob mein Weg besser ist, ich weiß nur: Er ist anders.

Und ich habe keine Lösung dafür.

Ich sehe nur, wie wir uns immer weiter den Algorithmen in die Hände werfen.
Und wenn Gmail eine Mail nicht findet, ist sie eben weg. Findet mein Fotobetrachter das Bild mit der Möwe nicht, gibt es eben keine cooles Möwenbild.
Der Vorteil, dass man bei einer schriftlichen, asynchronen Kommunikation nachschauen kann, was der andere gesagt hat, verschwindet im Scrollverhalten und der fehlenden Durchsuchbarkeit des facebook-Messengers.
Die gute Erreichbarkeit in der Unvorhersehbarkeit, mit der facebook beschließt, dass man mit dem anderen nicht oft genug gesprochen hat und ihn in den Ordner „sonstiges” schiebt, von dessen Existenz angeblich höchstens 50% der User wissen.

Als ich damals las, dass die Maschinen Macht über unser Leben bekommen, hatte ich das nicht so verstanden.

Ich habe ein tiefes Bauchgefühl, dass das alles umso schlechter funktioniert je besser es funktioniert. Brauchen wir das vielleicht? Als wir 836 Fotos aus dem Urlaub mitbringen konnten, haben wir uns in eine Software gestürzt, die die Bilder nach ausgeklügelten, Ordnung suggerierenden Systeme vor uns verstecken. Als wir immer per eMail erreichbar waren und uns jeder unter die Nase reiben konnte, dass wir aber um halb sieben verabredet waren, haben wir eMail verlassen.
Ja, genau so fühlt es sich an.

Es ist kompliziert.


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3 Reaktionen

Am 15.04.2015 um 15:41 Uhr schriebDentaku:

Du wirfst hier zwei verschiedene Fortschritte durcheinander. Einen lehne ich ab, den anderen begrüße ich.

Hierarchische Ordnungssysteme sind Quatsch, und viel zu schwierig für die meisten Leute. Es ist daher gut, wenn Fotos, Dokumente, Mails, … nicht mehr von vornherein manuell in eine Struktur sortiert werden müssen, von der ich jetzt wissen muss, dass sie in einem Jahr der wahrscheinlich praktischste Zugriffspfad zu dieser Information sein wird. Das können so Computerleute (manchmal) und vielleicht noch Logistiker und Buchhalter, alle anderen Menschen denken nicht so. Schlagwort- und Suchsysteme sind gut. Je automatischer sie funktionieren desto besser.

Aber: die Daten sollten sich immer (zumindest: auch) bei den Benutzern befinden. Wo Archivierung und Suche nicht vorgesehen sind, hat Wichtiges nichts zu suchen. Seine Daten komplett auf die Rechner anderer Leute auszulagern (und *nur* dort zu lagern) ist fahrlässig. In dieser Hinsicht sind Facebook-Chat und Googlemail ein Problem.

Was wir also brauchen, sind besser durchsuchbare lokale Datenspeicher (meinetwegen auch mit „Cloud“-Backup), die Daten von möglichst vielen Quellen zusammensammeln. Dateinamen und Ordner brauchen wir hingegen eigentlich nicht mehr*.

*) Wir brauchen die Dateinamen natürlich schon, aber vor allen Benutzern, die nicht selbst Software entwickeln, sollten sie inzwischen so weit wie möglich versteckt werden.


Am 15.04.2015 um 18:09 Uhr sagte Christian:

Nee, ich glaube ich werfe nicht durcheinander, sondern ich verknüpfe bewusst :)

Dass Dateinamen vor Benutzern versteckt werden sollen – ich weiß nicht, ich weiß nicht. Sie sind halt das erste, was man sieht. Sonst müsste ein Explorer/Finder wirklich den Inhalt einer Datei erfassen und sie begreifen können – vielleicht in der Art wie evernote alles, versucht zu erfassen und durchsuchbar zu machen, was man hineinwirft.

Textdateien (Dokumente) sind kein Problem, die kann man durchsuchen. evernote beweist, dass mit einer OCR auch Bilder durchsuchbar sind. Aber die Bedeutung, die die Datei für mich hat, die muss ich ihm als User selber geben.
Sicher richtig, dass das nicht über den Dateinamen geschenen muss, aber er ist halt das erste, was ich sehe.

Mal als Beispiel: Ist die einstweilige Verfügung die ich als PDF habe jetzt wichtig, weil drinsteht, wie nahe ich Leonard Nimoy kommen darf oder ist sie wichtig für mich, weil ich Jura-Student bin und ein Muster brauche?
So einen Kontext kann nur der Benutzer herstellen, da versagt Software und – egal ob Dateiname oder Ordner oder Tags oder whatever – wenn ich als User mich mit dem Ordnungssystem nicht vertraut mache, wird es versagen.

Und ich habe das gefühl, dass wir alle den Ordungssystemen immer wieder ausweichen und hoffen, dass der nächste Automatismus es schon richtet. Oder wir weichen gar nicht aus, und die Unvollkommenheit des Systems reicht uns halt aus. Kann ja sein.


Am 19.04.2015 um 16:36 Uhr ergänzte Magnus aka MJKW:

Vielleicht hat es auch einen Sinn, denn wer kann, der kann ja. Trotzdem. Zumindest noch. Und allen anderen nötigt es vielleicht irgendwann eine Frage auf: was brauche ich wirklich? Was brauche ich wie lange? Brauche ich 836 Urlaubsbilder oder reicht das Best of von 36 oder gar nur 6? Brauche ich diese Form der Erinnerungskultur? Und ich darf das fragen, ich sammle selbst, selbst E-Mail und muss mir die Frage bei jedem Rechnerwechsel wieder stellen und bei jedem Umzug sowieso. Brauche ich die Datei 2001_03_12_speicherfuellenderunikram.xls wirklich? Noch? Bis wann? Weswegen?
Muss ich nicht am anderen Ende anfangen, nämlich die von anderen gern eingeforderte Datensparsamkeit v.a. selbst zelebrieren? Gut, in 60+ Lebensjahren wird es dann immer noch eine Menge dauerhafter Erinnerungen geben, die ich elektronisch mitnehme. Und die spätestens meine Erben wegwerfen, wie früher die ewigen Diasammlungen. Sind Dateien nicht eigentlich auch nur eine weitere Erweiterung von „Dingen“.
Und welches Bedürfnis sitzt dahinter, „Dinge“ zu behalten? Welches bedienen und fördern die Programme (und wohl auch nicht immer selbstlos, wie wir wissen)? Ab wann gilt der „Selbst-Schuld“-Paragraph?

Rechnerabstürze und Festplattencrashs können da eine heilsame Wirkung haben… man merkt plötzlich was einem wirklich fehlt.

PS: und ja, das betrifft jetzt v.a. den privaten Nutzer. Aber ehrlich? Jedem Profi gegenüber, der seine Dateien nicht sortiert und bewahrt bekommt, oder gar seine Regierungsstils per gmail verschickt, tendiert mein Mitleid eher gegen -1 .


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