Vom Müll, vom Maßhalten und von Mut.

Aus der Kategorie »just people«

Katia Kelm erzählt drüben in ihrem Blog, wie der Hof vor ihrem Fenster immer wieder mal zum Abladen von Müll benutzt wird und wie sie und ihre Mitmieter gerade versuchen, diesen Müll loszuwerden – was nicht so einfach ist.

Felix Schwenzel verlinkt das ganze und meint dazu:

was bürger einfach nicht verstehen wollen: stadteigene betriebe sind nicht etwa dafür da unkompliziert und pragmatisch zu helfen, sondern um einfache sachverhalte kompliziert zu verwalten und zuständigkeiten hin und her zu schieben.

Und ich erinnere mich daran, wie ich bei unserem letzten Umzug kurz vorher mal eben in der Stadtverwaltung vorbei gehen wollte. Ich wollte fix Bescheid geben, dass wir am nächsten Samstag die vier Stellplätze vor unserer Wohnung mit dem Laster blockieren würden. Ihr kennt das: Zwei Stühle rechts und links, ein paar Meter Flatterband und ab dafür.
Mein Strebertum, das extra auf dem Amt anzumelden lag auch einfach und alleine in den beiden Tatsachen begründet, dass S. zu dem Zeitpunkt noch im Rat der Stadt saß – da steht man gerne extra unter Beobachtung – und dass die besagten vier Stellplätze exakt zwischen unserer Wohnung und dem Fenster des Ordnungsamtes lagen.

Der Herr vom Ordnungsamt war damals gar nicht zuständig, schickte mich zur Abteilung Straßenbau und Verkehr, der Herr dort wurde ein bisschen feuchtaufgeregt und begann sich in Rage zu reden. Dass ich dieses Formular hier bitte in vierfacher Ausfertigung ausfüllen solle, dann beim Baubetriebshof die Schilder, die ich beim Bundesamt für Schilderwesen oder ganz eventuell so halblegal im Baumarkt erstehen könne abgeben müsse, damit die die dann am betreffenden Tag aufhängen könnten. Als ich erwähnte, dass es um den Samstag in zwei Tagen ginge, meinte er „Das geht nicht“ und ich musste dummerweise lachen.
Ich hab dann gefragt, ob ich nicht einfach vier Parktickets für die vier Plätze ziehen könnte, und er bekam diesen Gesichtsausdruck, den Menschen bekommen, die seit drei Stunden vor eine Tür drücken und an der Klicke rütteln, und denen man dann das Ziehen-Schild zeigt.
(Kurze Pause) Aber das ginge, ja. Aber gut sichtbar in die Scheibe legen, hören Sie?!!

Dass er am Samstag mehrfach vorbei kam, um die Parkscheine zu sehen, muss ich nicht extra erwähnen, oder?

Wir haben damals lange darüber nachgedacht, warum dieser arme Mann sich das Leben so schwer machte. Warum er nicht in der Lage war, so etwas wie den berühmten gesunden Menschenverstand einzuschalten, warum er nicht Maß halten konnte und einen 5-stündigen Umzug wie eine wochenlangen Großbaustelle behandeln musste. Und wozu the fuck er dieses scheiß Formular brauchte.

Einen ersten Hinweis bekamen wir, als mir am Samstagmorgen Frau B. – amüsanterweise auch noch eine ehemalige Klassenkameradin – mit SUV und grimmiger Mine fast bis auf den Fuß fuhr, um dann aber doch wenigsten so halb auf einen der Parkplätze zu kommen. Durch zwei Zentimeter Fensterspalt erklärte sie mir, dass sie jetzt sehr wohl hier parke und wollte allen Ernstes die Parkscheine sehen. Und dann wollte sie zum Ordungsamt, sich trotzdem noch beschweren. Der war nämlich scheißegal, dass wir gerade unseren Hausstand schleppten, die wollte zum Blumenladen gegenüber und da wollte sie keine zwei Minuten laufen. Die wollte DA JETZT HIN.

Und ich begriff: Deswegen brauchte der Mann das Formular. Das war nicht für meine Qual, nicht für sein sadistisches Vergnügen, das war nur zur Sicherheit. Das war für den Moment, wo Frau B. geborene U. wutschnaubend irgendwo im Rathaus auflief, sich über den Typen beschwerte, der ihr jetzt drei Minuten Fußweg mehr eingebrockt hatte und die damit dann eine Kette in Gang gesetzt hätte, die sich quer durchs Rathaus gezogen hätte. Gezogen hätte, bis endlich einer ein Zettelchen mit Stempel gefunden hätte, mit dem besiegelt gewesen wäre, dass das alles seine Richtigkeit gehabt hätte.
Natürlich kann man jetzt einwenden, dass ja schon die Frau an der Info der mauligen Frau B. etwas hätte sagen können wie „Nu regen Sie sich mal nicht so auf, man wird ja noch umziehen dürfen“. Das hätte aber ziemlich Mut gekostet, weil Frau Infoschalter weiß: Frau B. hätte sich dann beim nächsthöheren Menschen nicht nur über mich, sondern auch über sie beschwert. Wenn der dann wiederum … – Ihr wisst, wie es weiter geht. So etwas geht bis zum Bürgermeister oder bis in die nächste Ratssitzung, glaubt mir. Ich saß mal im Ausschuss für öffentliche Sicherheit und Ordnung.

Apropos, es folgt ein kleiner Gedankensprung: Wenn Ihr nämlich einmal die Freude gehabt habt, einer Rats- oder Ausschuss-Sitzung beizuwohnen, dann wird die ganze Geschichte noch verständlicher. Wir haben hier – und ich unterstelle: Es gibt ihn in jeder Stadt – einen Politiker, der sich vor jeder Sitzung eine Liste macht. Auf der Liste: Zitate aus vorherigen Sitzungen, aus alten Beschlüssen und Protokollen die alle mehr oder weniger zum Thema der aktuellen Sitzung passen.
Wir sprechen aber nicht von Protokollen der letzten Sitzung, oh nein – er bedient sich gerne bei Sitzungen, die fünf bis zehn Jahre her sind. Irgendwann in der Sitzung entdeckt er dann einen Moment, wo etwas was einer der Anwesenden Verwaltungs-Menschen sagt nicht zu seinen gesammelten Ausschnitten passt. Dann schießt er los und wirft den Menschen Inkompetenz und Lüge vor, schließlich hätten sie damals (Zitat bla blubb) und heute würden sie etwas anderes behaupten. Natürlich kann niemand, also wirklich niemand, ad hoc auf so etwas antworten und so ist er immer der strahlende Gewinner, Held und Retter von Ordnung und Recht.

Und ich fürchte: So lange wir Menschen wie Frau B. und Herrn Politiker haben, so lange haben wir auch Ämter, die gar nicht anders können, als Verantwortlichkeiten und Zettel hin und herzuschieben. Die sich nämlich so nur davor absichern, abgemahnt zu werden, weil Herr Fischer umziehen möchte oder weil Frau Kelm Müll vor der Tür hat, der nicht ihrer ist.


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