Dies ist das archivierte jawl.


jawl bedeutet „just another Weblog“ und war vom 6.4.2001 bis zum 4.1.2018 das Blog von Christian Fischer. Das Blog wird nicht mehr weiter geschrieben, bleibt aber als Archiv online. ’cause: Don’t change a running URL ;)

Warum die #ice bucket challenge […] ist.

… cool …
Weil mit einer ziemlich simplen Idee eine bis dahin eher unbekannte Krankheit viel Aufmerksamkeit bekam. Viel Aufmerksamkeit bedeutet oft und auch in diesem Falle ebenfalls viel Geld für die, die an der Krankheit forschen. Obwohl gerade sie es sein sollten sind Pharmaunternehmen nämlich gar keine Gutmenschen und so forschen sie genau da am intensivsten, wo sie am meisten Geld verdienen können. Seltene Krankheiten ohne Lobby haben es da schwer.
In sofern ist die #ice bucket challenge: Cool.

… uncool …
Wenn etwas durchs Netz, durch die Medien oder sonst woher schwappt, dann gibt es einen Punkt, wo es aber-echt-jetzt auch mal gut ist. Im Bereich der Popmusik gilt das gleiche Prinzip: So lange nur wenige Menschen eine Band mögen, ist es ok sie zu mögen. Ist sie dann bekannt, muss man sie als wahrer Musik-Fan hassen. (Auch bekannt als „die alten Sachen fand ich ja ganz gut, die neuen nicht”-Syndrom).
Inzwischen hat sich vermutlich jeder dritte Internet-Anschluss-Inhaber einen Kübel Eiswasser über den Kopf gekippt und deswegen nervts, aber ganz gehörig.
In sofern ist die #ice bucket challenge: Uncool.

… verwerflich …
Pamela Anderson war die erste, von der ich las, dass sie sich der Challenge verweigerte. Warum? Weil die ALS-Forschung mit Hilfe von Tierversuchen forscht.; inzwischen haben sich auch Verbände wie z.B. die Ärzte gegen Tierversuche positioniert. Tierversuche sind natürlich absolut indiskutabel und es ist gut, dass dieses schlimme Treiben an die Öffentlichkeit kam.
In sofern ist die #ice bucket challenge: Moralisch verwerflich.

… peinlich …
Wie gesagt hat geschätzt jeder dritte Internet-Anschluss-Inhaber inzwischen den Eimer geschwungen und wer auch nur ein bisschen Mathematik kann, der weiß: In dieser Menge befinden sich auch diverse D- bis Z-Promis. Je nach Veranlagung nutzen die die Challenge, um im engen weißen oder gleich gar keinem T-Shirt dem Eiswasser zu trotzen und außerdem mit den Nominierungen dezent einfließen zu lassen, wen sie denn alles wichtiges kennen. Voll der Hoffnung natürlich, so ihren Buchstaben-Rang eins nach oben zu korrigieren.
Und in sofern ist die #ice bucket challenge natürlich: Megapeinlich.

… hip …
Für den echten Hipster ist das Leben ja recht einfach: Er macht alles anders als die anderen. Da die Grundstimmung inzwischen gegen die Challenge kippt, findet sie der Hipster, der sie erst mochte und dann verachtete, inzwischen wieder richtig gut. Oder auch nicht, aber das ist dann ironisch.
In sofern ist die #ice bucket challenge: Hip.

… asozial …
Es gibt so viele andere schlimme Krankheiten die weder so prominente Opfer wie Stephen Hawking noch Promis in nassen T-Shirts als Lobby hinter sich stehen haben. Jetzt haben wieder alle ihren jährlichen Gutes-Gewissen-Scheck ausgefüllt und die anderen gehen leer aus.
In sofern ist die #ice bucket-challenge: Asozial.

… Ein gutes Zeichen dafür, dass es nicht nur schwarz und weiß gibt …
Ja, das alles, was ich bis hierhin schrieb ist irgendwie wahr. Naja, bis auf den Hipster-Teil, der war ironisch. Aber im Ernst: Wo man sich selber sieht, das ist eher eine Frage der eigenen Präferenzen als einer absoluten Wahrheit.
Und deswegen sind die – wie üblich im Web – erbittert geführten Grabenkriege zwischen Challenge-Gegnern und -Befürwortern inzwischen für mich vor allem ein Symptom das zeigt: Alle sehnen sich so furchtbar nach simplen Wahrheiten. Nach schwarz und weiß, gut und böse, nach klaren Linien. Und müssen das mit Klauen und Zähen verteidigen, wenn jemand anderer Meinung ist.
Aber dafür ist das Leben zu komplex.
In sofern ist die #ice bucket challenge: Spannend.

Und nu? Ach, ich wollt’s nur mal laut gedacht haben.
Aber dass ich da drei Tage für gebraucht habe, mag ein gutes Zeichen dafür sein, dass es sich lohnen kann, erst einmal drüber zu schlafen. Nahezu immer.
Kleiner Tipp am Rande: Das gilt auch, wenn Du jetzt schon die Finger auf der Tastatur liegen hast, um mir einen geharnischten Kommentar zu schreiben, weil ich hier etwas für oder gegen die Challenge oder Deinen Lieblingspromi oder sogar Dich geschrieben habe ;)

15 Antworten zu “Warum die #ice bucket challenge […] ist.”

  1. Kiki sagt:

    Tierversuche sind absolut indiskutabel?

    Ähm, nö. Das ist mir zu schwarz-weiss gedacht. Tierversuche in der Kosmetik, ok. Aber in der Medizin (wobei die Grenzen zur Dermatologie hin da oft verschwommen sind) finde ich sie unter Umständen sinnvoll. Nicht alle, nicht immer, aber ich möchte das dann auch nicht kategorisch ausschliessen. Wenn ein Haufen Tiere dafür draufgeht, daß eine tödiiche, unbekannte Krankheit beim Menschen geheilt oder wenigstens in Schach gehalten werden kann, dann ist mir persönlich das Hemd näher als die Hose, und ich wette, den Tierversuchsgegnern auch. Wenn es um eine neue Lippenstiftfarbe oder eine neue Wimperntusche geht, kann man hingegen meinetwegen die Forscher in Scheibchen unters Mikroskop legen.

  2. Der für mich bisher beste Kommentar zum Thema!

  3. @Kiki:

    Wenn ein Haufen Tiere dafür draufgeht, daß eine tödiiche, unbekannte Krankheit beim Menschen geheilt oder wenigstens in Schach gehalten werden kann, dann ist mir persönlich das Hemd näher als die Hose, und ich wette, den Tierversuchsgegnern auch.

    Nö.

    @Christian:

    Alle sehnen sich so furchtbar nach simplen Wahrheiten. (…)
    Aber dafür ist das Leben zu komplex.

    Ich kann dich gar nicht genug dafür würdigen, wie du es mit ein paar Sätzen schaffst, eine so einfache und dennoch so schwierige Wahrheit zu beschreiben. Ich werde bei künftig anstehenden Grundsatzdiskussionen (ich bin ganz sicher, da muss ich nicht lange warten) auf diesen Beitrag verlinken.

  4. Christian sagt:

    oh (wo issen hier der verflixte „erröten”-Emoji, wenn man ihn braucht?)

  5. […] über den Kopf schütten ist schon viel geschrieben worden. Stellvertretend sei auf den Artikel auf ‘Jawl’ […]

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