Warum ich gerne Auto fahre

Aus der Kategorie »just people«

Es scheint ja gerade an der Zeit zu sein, mal über das Autofahren (oder schreibt es sich jetzt Auto fahren?) nachzudenken.
Und dann lese ich so Sätze wie

und mit den jahren setzt ein ausleseprozess ein, den man kurz so formulieren könnte: die intelligenten sterben aus.

(Everything’s gone green)

Und dann denke ich darüber nach, warum ich gerne mit dem Auto unterwegs bin.

Also erstens: Meine Eltern sind schuld.
Das ist natürlich ein fürchterlicher Hobby-Freud-Allgemeinplatz, aber zum Teil wohl leider wahr.

Aber mal im Ernst: Ich hatte es ja schon einmal erwähnt – ich bin auf dem Dorf großgeworden.
Auf diesem Dorf gab es genau drei Busse, die in die nächste Stadt fuhren. Im ersten saß ich auf dem Weg zur Schule, im zweiten saß ich auf dem Weg von der Schule und der dritte war nur im Zusammenhang mit „Holst Du mich ab?“ – Diskussionen zu gebrauchen.

Nun möchte man als Teenager ja nun gar nicht jedesmal erklären, warum man denn wo hin möchte und so war der dritte eigentlich nur für die Hausfrauen gut, die mittags mit dem zweiten in die Stadt gefahren waren. So ab 16 habe ich es bewusst gehasst und ab Führerscheinbesitz hatte ich einen gewissen Nachholbedarf und war selten zu Hause.

Und dann hat sich drei, vier Jahre – bis ich endlich ganz dort wegziehen konnte – der unheilvolle Zusammenhang „etwas unternehmen = Auto fahren“ in mein Kleinhirn gebrannt. Deswegen trinke ich ja auch nichts, aber das ist eine andere Geschichte.

Jetzt habe ich ja gerade immer so schön von „Stadt“ gesprochen, in die man mit dem Bus fahren konnte – und in der ich inzwischen lebe. Das ist natürlich eine Übertreibung.
Es ist eine Kleinstadt und die nächste richtige Stadt ist mit dem Auto eine halbe Stunde entfernt. Mit dem Bus unerreichbar und mit dem Zug manchmal und wenn es nicht zu spät ist mit zwei- oder dreimal Umsteigen in 50 Minuten.

Innerhalb der Peergroup akzeptierte Kneipen gibt es eine, das Kino hat kürzlich einen der drei Säle auf Dolby Surround und den anderen auf Stereo umgestellt, Diskos oder Clubs gibt es gar nicht, dafür zwei Bordelle und einen Swinger-Club. Jeder wie er mag, aber ich hab ganz gern was an, wenn ich tanze und eine verchromte Stange in der Mitte brauche ich auch nicht.

Die Peergroup ist klein und überschaubar genug, dass man schnell gleich ganz raus ist, wenn man mit einem Streit hat und nicht aufpasst. Sie ist aber auch groß genug, dass man ihr überall wo es interessant ist begegnet – ist ja klar – so viel Angebot gibt es ja nicht; da kann die Peergroup ja nichts für.

Es gibt also den ein oder anderen Grund, hier gelegentlich mal rauszuwollen. Und ich bin froh, dass sich mein Horizont nicht hier auf die Stadtgrenzen beschränkt.

Innerhalb der Kleinstadt ist das Problem: Quasi niemand fährt hier mit dem Bus oder der Bahn. Deswegen streicht der Verkehrsverbund eine Linie nach der anderen, deswegen fährt hier niemand Bus oder Bahn. Das ist ein Kreislauf, das ist klar, und irgendwer muß mal den Anfang machen, das ist auch klar. Muss ich?

 

Auf den Straßen sind nur Idioten unterwegs, keine Frage. Und die fahren (natürlich) auch alle viel viel schlechter als ich.
Nein, im Ernst: natürlich ist es manchmal anstrengend da draußen. Und es macht keinen Spaß, im Stau zu stehen. Es macht keinen Spaß, sich auf der Suche nach einem geeigneten Parkplatz um den Block zu schieben.
Luxuriöserweise besteht mein Weg zur Arbeit aus 12 Stufen hoch unters Dach und wenn ich Auto fahre, dann meist zu Freunden, tagsüber zu Kunden, ins Kino, auf Bloggertreffen, in den Urlaub oder so. Ich fahre wenn es eben geht nicht zwischen 7 und 9 Uhr, nicht zwischen 16 und 18 Uhr und nicht an letzten Schultagen. Nicht freitags nachmittags und nur selten zum Realitätsabgleich samstags morgens in mal den Baumarkt.

 

Natürlich bin ich mit 19 nachts zurück aus der Disko ins Dorf gerast. Jedenfalls so sehr, wie es Mamas 45 PS-Polo so hergab. Weder mein R4, noch mein 45 Passat Diesel noch der doofe Jetta waren schnell. Dafür hat mich der Passat daran gewöhnt, erst bei 750 Kilometern auf dem Zähler nach einer Tankstelle Ausschau zu halten.
Ich weiss, wie es sich anfühlt, 265km/h zu fahren, wie sich 12 Stunden am Stück anfühlen und wie sich ein 7,5 Tonner um die Kurve schiebt.
Ich bin Trecker, Manta, LKW, Ferarri, Fiat Cinquecento, einen blödsinnig schnellen AMG-Mercedes, Bulli, Käfer, Audi Quattro und einiges mehr gefahren.
Früher kam ich im Jahr auf 45.000 km.

Ich denke, die wichtigsten Extreme habe ich ausgereizt. Das macht sehr ruhig und entspannt, wenn der Vertreter von hinten angeschossen kommt. Abgeregelte Schwanzverlängerung, sag ich da nur.

Und jetzt habe ich seit 6 Jahren einen Golf Kombi Diesel, der mir immer wieder die größte Freude damit macht, dass der Bordcomputer mir was von 5,4l Verbrauch anzeigt. Na gut, eine Reisegeschwindigkeit von 170 wenn es leer ist ist auch ganz nett.

Alles in allem: Ich fahre einfach gerne. Nicht mehr so viel wie früher, das ist auch ganz gut so. Und ich weiss, es ist unökologisch und nicht korrekt und überhaupt – aber es macht mir Spass.
Ich bin gerne selbst mit dem Auto da; das ist – denke ich – der Dorf-Schaden.
Aber es ist nicht mehr schlimm, wenn ich mal eine Woche nicht fahre. Das ist vorbei.

Ja, ich stehe dazu: ich fahre gerne Auto. Jeder bitte nur einen Stein.


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2 Reaktionen

Am 12.06.2006 um 23:46 Uhr sagte liljan98:

Wenn ich mehr Zeit und Muße hätte könnte ich jetzt einen ähnlich langen Text fabrizieren mit dem Tenor „Warum ich ungerne Auto fahre.“ Gemeinsames Fazit bliebe dann aber wohl: Es hängt doch sehr davon ab wie und v.a. WO man aufwächst. Wenn ich nicht mit einem gut ausgebauten und ganz praktischen ÖPNV aufgewachsen wäre, würde ich es vermutlich auch alles noch ganz anders sehen.


Am 13.06.2006 um 18:34 Uhr sprach serotonic:

Ich behalte meinen. Oder schmeiß ihn mir selber auf die Füße. Fahre ich doch mindestens genauso gerne Auto. Sogar – haha! – im Stau.

Da bekomme ich den Kopf frei, keine Aufgabe, außer das Gefährt zu steuern und aufmerksam um mich zu blicken – DIE Gelegenheit, um Probleme Probleme sein zu lassen.
Fakt ist aber nun, dass ich meinen Job mit der hiesigen ÖPNV-Infrastruktur nicht machen könnte – was natürlich nicht heißt, dass mein ökologsches Gewissen das so prima findet.

Ich finde, solange wir verantwortungsvoll damit umgehen und den Wagen nicht für Touren misbrauchen, die man auch zu Fuß oder mit dem Rad in gegebenen Zeitrahmen erreichen könnte, sollten wir unseren Fahrspaß einfach genießen dürfen :)


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