Was eine Pension in Regensburg mit Informatikunterricht in Hamburg zu tun hat

Aus der Kategorie »just people«

In meiner Filterbubble macht im Moment ein Tweet von Walter Scheuerl die Runde:

Das ist natürlich vorgeblich erst mal hübsch logisch formuliert, aber leider eine ganz, ganz schiefe Analogie; ich komme da am Ende noch mal drauf zurück. Und Herr Scheuerl wird für den Tweet ja auch schon kräftig durchs Dorf getrieben.
Aber wie so oft ist er jetzt ja nur der Leidtragende, der seine Meinung zum falschen Ort und zur falschen Zeit in einen Tweet gegossen hat – seine Meinung ist mehr als weit verbreitet. Und es gibt natürlich auch schon sehr gute Artikel zu dieser Geschichte.
Trotzdem möchte ich gerne auch aus meiner Sicht als Webworker etwas beitragen. Warum ausgerechnet als Webworker? Weil ich täglich exakt an der Schnittstelle zwischen „Informatik“ – also der regelbefolgenden Logik der Programmierung – und Mensch – als Kunde und auch als Benutzer der Webseiten sitze. Und meist viel vermitteln muss. Kunden, die Vorbildung oder an open mind haben, haben es da viel leichter.

Und eine kleine Geschichten der letzten Wochen hat mir nämlich exemplarisch mal wieder gezeigt, dass die oben zitierte Meinung ganz entscheidende Nachteile mit sich bringt. Und greifbare Beispiele machen ja manchmal die Dinge etwas klarer.

Schauen wir also zu einem kleinen Verein, dessen Name hier nichts zur Sache tut.
Die Geschichte beginnt vor ein paar Jahren: Man kümmerte sich in diesem Verein um kranke Kinder, was ja eine durch und durch unterstützenswerte Sache ist. Genau deswegen stimmte ich auch zu, als ich über einen ehemaligen Kollegen gefragt wurde, ob ich das Webhosting (also das Bereitstellen von Speicherplatz und www-Adresse für die Homepage) übernehmen könnte. Ich tue das eigentlich nur für meine direkten Kunden aber – wie gesagt: guter Zweck! – tat ich das gerne.
Beim obligatorischen Einrichten der eMail-Adressen stellte sich heraus, dass der Vorsitzende des Vereins nicht den geringsten Funken Lust hatte, zu verstehen was ich von ihm wollte. Barsch teilte er mit: Er rettete Kinder, ich sollte mich um die „Informatik“ kümmern – um im oben eingeführten Sprachgebrauch zu bleiben.
Nachdem das trotzdem irgendwie geregelt war hatte ich ein par Jahre nichts mit ihm zu tun – es gab ja auch keinen Grund.

Dann klingelte mein Telefon: Er meldete sich und sagte, er brauche einen Webdesigner. Ich vermutete erst, dass er an der bestehenden Site Änderungen durchgeführt haben wollte, aber das Gespräch verlief irgendwie seltsam. Und am Ende stellte sich heraus, dass er keinen Webdesigner brauchte, sondern dass die Seite und die URL aus dem Internet gelöscht werden sollten. Ich sagte ihm also, dass er eine Kündigung schreiben müsse und die Sache war erledigt.

Wie es manchmal so ist, wurde auch seine Domain von jemand anderem direkt wieder registriert. In diesem Fall von einem Domaingrabber (jemandem, der eine Menge Werbung auf die Seite packte und dann darauf wartete, die Domain irgendwann zu einem überhöhten Preis zu verkaufen).
Folglich fanden Menschen, die bis vor kurzem noch über die Arbeit eines kleinen Vereins informiert worden waren jetzt unter der gleichen Adresse unter anderem Werbung für eine Pension in Regensburg.

Der Anruf des ehemaligen Vereinsvorsitzenden ließ natürlich nicht lange auf sich warten und wieder war das Gespräch eher unerfreulich: Unerfreulich, weil er nicht verstehen wollte, dass so etwas passieren kann. Ich hatte ihm die Möglichkeit übrigens im Telefonat erklärt, aber – wie schon erwähnt – sein Interesse an „Informatik“ hielt sich in Grenzen.

Noch unerfreulicher wurde die Geschichte, als sich ein paar Wochen später durchaus ärgerlich der neue Webhoster des Nachfolgevereins meldete. Es gab nämlich einen Nachfolgeverein und die alte Domain sollte bitte auf den neuen Verein überschrieben werden. Ich war an dieser Stelle sehr froh, dass ich auf der schriftlichen Kündigung bestanden hatte und der neue Webhoster seufzte. Ich hörte dann noch, dass der Rückkauf der Domain vom Domaingrabber 600,- gekostet hatte. (Für den Preis kann man eine Domain über den Daumen 50 Jahre hosten lassen)

In diesem Fall hat die fehlende Bereitschaft, sich mit der „Informatik“ auseinander zu setzen also mal eben richtig Geld gekostet.
Trauriges Ende der Geschichte.

Nein, man muss keine Feinelektronik lernen, um einen Fernseher zu benutzen, das sehe ich auch so. Der Vergleich hinkt an einer ganz anderen Stelle, denn es geht nicht darum, dass Kinder lernen sollten PCs zu benutzen, es geht darum zu verstehen, wie die moderne Informationstechnik unsere Welt an vielen Stellen bestimmt.
Natürlich hätte Herr Vereinsvorsitzender – und auch seine Kinder heute – in der Schule die Feinheiten des Webhostings mit seinen vielfältigen Fallstricken nicht als Unterrichtseinheit durchgenommen.

Aber seine Kinder könnten vielleicht heute lernen: Wir haben uns die Welt so eingerichtet, dass sie an vielen, vielen Stellen von Computerlogik abhängt. Und auch wenn sie nicht lernen möchten, relationale Datenbanken in C# abzufragen und die Ergebnisse über eine Python-Api ins Web zu streamen, dann lernen sie vielleicht: Da gibt es etwas, was uns und unsere Leben maßgeblich beeinflusst. Und manchmal ist es klug, das Ernst zu nehmen und den Menschen zuzuhören, die sich damit auskennen.

Wenn schon, dann müsste es also zum Beispiel heißen „Niemand muss Feinelektronik lernen, um einen Fernseher zu benutzen, und niemand muss ein Fach „Informatik“ haben, um das moderne Leben verstehen zu können“
Und über eine solche Einstellung, über die würde ich mich dann gerne unterhalten.

„Informatik“ ist hier immer in Anführungsstrichen geschrieben, denn vermutlich ist Informatik-Unterricht wirklich nicht der richtige Platz, so etwas zu lernen. Der Wechsel in einen PC-Raum symbolisiert ja schon, dass das, was dort gelernt wird, außerhalb des normalen Unterrichts stattfindet. Aber das ist ein anderes Thema und vielleicht den nächsten Eintrag wert.


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10 Reaktionen

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Am 18.06.2013 um 11:21 Uhr antwortete grusel:

Niemand muss Feinelektronik lernen, um TV zu nutzen, und niemand muss ein Fach „Informatik“ haben, um PCs etc. zu bedienen

Blödmann. Wer konstruiert Fernseher und Computer? Auch niemand? Ich bin immer wieder sprachlos..


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