Wer Dummes tut

Aus der Kategorie »just people«

Wisst Ihr, welchen Satz ich so richtig nicht mehr hören kann? „Dumm ist, wer Dummes tut“ – genau den.

So ein Totschlagargument. Jemand macht was blödes, also ist er blöd. Fertig. Muss ich mich nicht mehr drum kümmern, der ist ja blöd. Ist zu schnell Fahrad gefahren und liegt jetzt auf der Straße? Ach, selbst Schuld, war ja selbst blöd. Hat während der Arbeitszeit zu oft auf facebook rumgehangen und bangt jetzt um seine Stelle? Egal, selbst Schuld, ist ja blöd. Steht auf der Straße und schreit was von Lügenpresse? Muss ich mich nicht mit beschäftigen, ist ja dumm.

Man sagt: Der ist blöd, und praktischerweise gibt einem so eine ergriffene Deutungshoheit ja auch die Chance, schnell weitere Definitionen festzulegen. Man sagt also auch: Ich bins nicht (Ha, gerettet!) und fertig.
Es kotzt mich an. Es ist überheblich, es ist arrogant, es dient nur dazu, fix einen Status festzulegen und eine Diskussion zu beenden. Und es ist: Dumm. Tja.

Arm hoch, wer noch nie was dummes getan hat. Na? Noch nie mit einem Bierchen zuviel Auto gefahren? Noch nie außerhalb der Beziehung mal ein Mississippi zu lang geguckt? Noch nie kurz verunsichert gewesen, weil der Türke so düster guckte? Noch nie in der Kaffeeküche über den Chef gelästert? Noch nie die 500 Meter ohne Gurt oder Helm gefahren? Noch nie ohne Quellencheck einfach was bei facebook geteilt? Zu lange mit dem Arztbesuch gewartet? Das aber wirklich allerletzte Bier bestellt? Einfach kurz geschwindelt, um jetzt nicht länger bleiben zu müssen, obwohl es garantiert am nächsten Morgen auffliegt? Doch die Pizza bestellt, obwohl dann wieder die halbe Nacht Sodbrennen droht? Die Liste ist unendlich …
Also nochmal: Arme hoch – wer hat noch nie was dummes getan? Ach guck, das bleibt ja überschaubar.

Jede und jeder hat schon mal was Blödes getan und kann noch viel blöderes tun. Wenn wir behaupten, dass es nicht so ist, dann sind wir noch nie außerhalb des innersten Kerns unserer Komfort-Zone gewesen. Innerhalb dieses Bereichs mag es einfach sein, keine Fehler zu begehen. Aber wir Menschen schleppen ein Jahrtausende lang trainiertes Stammhirn mit uns rum und es gibt Dinge, die uns genau da kitzeln. Wenn Lust, Trieb, Furcht oder auch nur Bequemlichkeit getriggert werden, dann übernimmt manchmal ein Teil des Hirns die Kontrolle bevor wir auch nur den Mund aufgekriegt haben, um „ja aber“ zu sagen. Das ist menschlich.

Wir sollten uns das eingestehen. Kann jedem passieren.

Aber wir sind – wie gerade schon gesagt: Menschlich. Wir tragen auch ein paar immerhin schon viele Jahre, teils auch viele Jahrhunderte trainierte Errungenschaften mit uns herum, die das Zusammenleben einfacher machen. Zivilisation halt. Haben Regeln gelernt, die manches Verhalten bestrafen.
Pizza am Abend: Sodbrennen in der Nacht.
Flirten in der Beziehung: Schlafen auf der Couch.
Facebook auf der Arbeit: Gespräche mit dem Chef.
Und so weiter. Alles passiert trotzdem. Manchmal gehts gut, manchmal gibts kein Sodbrennen, keine Abmahnung und keinen schiefen Haussegen, manchmal nicht.

Worauf ich raus will: Fehler sind menschlich, die können passieren. Menschlich zu sein heiß auch: Tolerant zu sein, verzeihen zu können.
Ich will – bevor das hier jemand rauslesen möchte – keineswegs die gesellschaftlich anerkannten Strafmechanismen in Frage stellen. Fahren ohne Gurt: Dreißig Euro, Pizza nach acht: Sodbrennen: nicht unter drei Stunden, Totschlag: Freiheitsstrafe von mindestens fünf Jahren. Alles gut und richtig.

Aber: Fehler sind – ich sagte es schon ein paar mal – menschlich und wer einen Fehler macht, der ist immer noch ein Mensch. Und nicht nur noch über eine dumme Tat definiert. Oder in anderen Worten: Da hat jemand was dummes getan, aber: er. ist. nicht. dumm.
Ich weiß, das ist jetzt unbequem, jetzt muss man sich mit allen, die einem querkommen auf einmal mehr auseinandersetzen. Aber ich bleibe dabei. Wer dummes tut, der tut dummes.

Und nur wer dumm ist, ist dumm, aber das ist eine andere Geschichte.

Und im zweiten Teil der Geschichte sprechen wir dann über die anhängigen Themen: Resozialisation, Umgang mit Scheitern und gescheiterten, Aufarbeitung der Nazizeit und gerne auch noch mal Pizza nach acht.


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2 Reaktionen

Am 11.11.2015 um 9:26 Uhr schriebAnke:

Das hast du ganz wunderbar treffend formuliert und ich bin gespannt auf Teil 2.


Am 11.11.2015 um 9:50 Uhr wusste Christian:

Anke: sorry,ich fürchte, die Ankündigung war nur ein Stilmittel um am Ende nochmal fix den Horizont dafür zu öffenen, was da alles dranhängen kann …


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