Wie ich einmal in Essen auf einem Konzert war

Aus der Kategorie »just music«

Ich hatte mich wirklich gefreut. Die geneigte Leserin weiß, dass ich Tina Dico über alles liebe und dass ich wenn es eben geht zu jedem ihrer Konzerte fahre.
Jetzt ist das aus Gründen mit dem mal-eben-wohin-fahren im Moment nicht so leicht wie sonst schonmal, deswegen bin ich dem Teil des Essener Publikums, das so um mich herum saß ja besonders dankbar.

Vorher, da denkt man sich ja noch nichts. Wenn vorher also erwachsene Frauen (vielleicht so um die dreißig?) mit ihren deutlich erwachseneren Müttern das alte „Lässt Du mich mal raus?!“ – „“ – „Doch“ – „“ – „Doch“ – „“ – „Seht alle her, meine Mami ist sooo doof“ -Spiel spielen müssen – ja nun. Soll sich ja jeder frei entfalten.
Auch wenn die gleichen erwachsenen Frauen entdecken, dass in ca. 40 Meter Luftlinie Entfernung ihre Freundin oben auf dem Balkon Platz gefunden hat und das mit „Uiiiiiiiiiiiihuhu!!“ -Gekreische und einer – quer durch den Saal geführten – Unterhaltung darüber, wie der Tag so war, fortsetzen – mein Gott, vielleicht haben sie sich ja länger nicht gesehen und freuen sich halt ganz arg.

Aber während die Menschen da vorne auf der Bühne Musik machen? Bitte, Leute, bitte. Es gibt da doch gesellschaftlich anerkannte Konventionen:
Sängerin singt: Mitsingen, Rhythmisch auf der Zwei und der Vier (… ja, ich weiß …) mitklatschen.
Sängerin singt nicht: Jubeln.
Sängerin spricht: Zuhören.
Sängerin fragt was: Antworten oder Jubeln (falls die Frage „How you’re doin? Are you fine?“ lautet).
Ausländische Sängerin sagt was auf Deutsch: Jubeln. Nicht auslachen, Ihr Deppen.

Recht simpel, oder?

Schon die sehr sweete, sehr tolle Sängerin der Vorgruppe (Paper Aeroplanes) scheiterte. Bei ihr wars einfach immer ruhig (später wusste ich das zu schätzen, aber dazu gleich mehr).
Leider so ruhig, dass sie sowas sagte wie „You’re extremly quiet for such a big room. That’s a little bit scary.“ Und dann, als auf eine wirklich süße Geschichte gar nicht zurück kam auch sowas wie „Obviously you’re not really interested“ .

Tina selber hatte es etwas leichter, man mühte sich, den Beifall etwas lauter werden zu lassen. Dafür spielte dann jemand mit ihr dieses doofe Reinruf-Spielchen. Netter Profi wie sie ist unterbrach sie ihre Ansage, fragte, ob jemand sich ein Lied wünsche oder eine Frage hätte. Stille. Sie setzte an weiter zu sprechen, die Tusse brüllte wieder was rein. Tina unterbrach, fragte nach. Stille. Setze an zu sprechen, die Tusse brüllte wieder rein.
Tina ist dann drüber weg gegangen. Verständlich.
Die Tusse rief übrigens – ich habs irgendwann verstanden – einfach nur „Gänseblümchen“ . Immer wieder „Gänseblümchen“ . Super.

Auch die Freundinnen die sich zwei Reihen vor mir und auf dem Balkon verteilt hatten mussten sich während der ersten Ansage nochmal darüber unterhalten, wie toll es , wie schön das Lied war und wie toll, dass es jetzt losgegangen war.

Das Highlight aber saß hinter mir. Dem Geruch nach hatte er extrem gut vorgeglüht, vielleicht hatte er deswegen seinen Sprechdurchfall nicht mehr so im Griff. Aber das ist mir egal, warum.
Wir kennen doch alle von Konzerten diese Menschen, die jeden Satz der Künstlerin mit „Soso“ oder „Aha“ oder „Yeah!“ kontern. Das ist ja schon unangenehm genug.
Er war aber irgendwann soweit, dass er auch jede gesungene Zeile begleitete.
Das ging dann in etwa so:
I met a friend in a bar last night – Gestern Abend?
A girl from a far away past – Lange her, hm?
We counted and worked out that it’d been more than seven years – Boah, sieben Jahre!
Since we saw each other last – Lange her. Wow.
She looked so much older I’d have to say – Ja, das passiert.
She used to dress so lovely and smart – War’se ne hübsche?

Und so weiter.

Da mir das ganze draußen wie gesagt im Moment eh extrem schwerfällt, hab ichs recht bald nicht mehr ausgehalten und bin dann gegangen.
Danke, Arschloch. Weißt Du, Arschloch, ich hab gerade nicht mal genug Kraft, dass es mich wütend macht; mich hat das einfach nur traurig gemacht.

Köln, enttäuscht mich bitte nicht auch noch? Das wäre sehr nett.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

10 Reaktionen

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Am 11.10.2012 um 10:41 Uhr sagte Anne:

Verdammt. Wir hatten das ja auch zwei Mal, aber nicht so schlimm und ansonsten mit ausreichend Begeisterung des Restpublikums, dass zumindest der Künstler auf der Bühne nicht verzweifeln musste.

Beim Konzert von Paul Simon, wo sich direkt hinter mir zwei alte Männer einfach unterhalten haben – und zwar die ganze Zeit – hab ich dann tatsächlich was gesagt und vorgeschlagen, man könnte entweder die Klappe halten oder gehen. Die sind dann auch gegangen. Warum machen so Leute das? Es ist ja auch nicht so, als ob die Karten nichts kosten würden, also gehe ich mal davon aus, dass irgendein Grundinteresse vorhanden sein muss. Aber wer weiß?

Die Hoffnung stirbt zuletzt, ich wünsche ein positives Erlebnis in Köln.


Am 11.10.2012 um 11:13 Uhr wusste Dentaku:

Ich hatte ganz vergessen, wie unangenehm an Konzerten immer dieses Publikum war.


Am 11.10.2012 um 11:20 Uhr meinte Johannes:

Da hattest du ja ein absolutes Katastrophenkonzert, das tut mir richtig leid. Ich drücke dir ganz hart die Daumen, dass Köln nicht so eine Enttäuschung wird! (Ich drücke die Daumen auch für Tina Dico, denn so ein Publikum hat sie nicht verdient.)


Am 11.10.2012 um 13:16 Uhr sagte serotonic:

Das tut mir beim Lesen schon richtig weh. Am liebsten würde ich irgendein buntes Pflaster über deine Enttäuschung kleben :( Solche Arschlöcher.


Am 11.10.2012 um 17:27 Uhr sagte Christian:

Ach, Ihr Hasen. *guckt dankbar*


Am 13.10.2012 um 2:26 Uhr kommentierte Flimbe:

Uiuiui. Wirklich übelst. Sowas hab ich auch noch nie erlebt. Armer Schnuck.


Am 13.10.2012 um 11:08 Uhr sprach Christian:

Nachtrag:
Danke, Köln. Wirklich: Danke.
Und fuck you, Essen.


Am 13.10.2012 um 12:41 Uhr antwortete Flimbe:

Köln ist sowieso toller als Essen (sagt die Düsseldorferin). ;)


Am 30.10.2012 um 9:43 Uhr kommentierte rebekka:

*


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Auch anderswo wird darüber gesprochen …

Verdammt. Wir hatten das ja auch zwei Mal, aber nicht so schlimm und ansonsten mit ausreichend Begeisterung des Restpublikums, dass zumindest der Künstler auf der Bühne nicht verzweifeln musste.Beim Konzert von Paul Simon, wo sich direkt hinter mir zwei alte Männer einfach unterhalten haben - und zwar die ganze Zeit - hab ich dann tatsächlich was gesagt und vorgeschlagen, man könnte entweder die Klappe halten oder gehen. Die sind dann auch gegangen. Warum machen so Leute das? Es ist ja auch nicht so, als ob die Karten nichts kosten würden, also gehe ich mal davon aus, dass irgendein Grundinteresse vorhanden sein muss. Aber wer weiß?Die Hoffnung stirbt zuletzt, ich wünsche ein positives Erlebnis in Köln.
Ich hatte ganz vergessen, wie unangenehm an Konzerten immer dieses Publikum war.
Da hattest du ja ein absolutes Katastrophenkonzert, das tut mir richtig leid. Ich drücke dir ganz hart die Daumen, dass Köln nicht so eine Enttäuschung wird! (Ich drücke die Daumen auch für Tina Dico, denn so ein Publikum hat sie nicht verdient.)
Das tut mir beim Lesen schon richtig weh. Am liebsten würde ich irgendein buntes Pflaster über deine Enttäuschung kleben :( Solche Arschlöcher.
Ach, Ihr Hasen. *guckt dankbar*
Uiuiui. Wirklich übelst. Sowas hab ich auch noch nie erlebt. Armer Schnuck.
Nachtrag:Danke, Köln. Wirklich: Danke.Und fuck you, Essen.
Köln ist sowieso toller als Essen (sagt die Düsseldorferin). ;)
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