Wie sich die Blogszene kommerzialisierte und warum heute alle Blogs gleich sind.

Aus der Kategorie »just work«

Dieser Post entstand eigentlich als dahingeranteter Kommentar bei Frau Brüllen, als die von einer Family-Bloggerkonferenz zurück kam und … ähm … etwas erstaunt war, worüber da so gesprochen wurde. Ich hab ein paar Tage drauf rumgedacht, aber eigentlich ist er einen einen eigenen Artikel wert. Ich habs geringfügig sprachlich angepasst, hier und da wenig, später auch etwas mehr ergänzt, Tippfehler beseitigt und neue hinzugefügt.

Frau Brüllens Posting beschreibt meiner Meinung quasi das Problem der Blogs und ihrer Kommerzialisierung in a nutshell.
Blicken wir doch mal zurück: Blogs haben damals nun einmal als persönliche „Tagebücher“, persönliche Kolumnen über Gott und die Welt angefangen. „Damals“ bedeutet übrigens – entgegen der Meinung vieler Blogger heute, die entweder 2009/2010 oder 2005/2006 als „früher“ bezeichnen, eher so 2000/2001. Da fings an mit den Blogs.
Deswegen wurden sie – damals – auch erstmal verspottet.

Dummerweise bedienen Blogs so sehr genau das, was Google sich vom Web wünscht – nämlich regelmäßige Fachartikel in einem Fachumfeld mit vielen Verlinkungen raus und rein und das alles mit mittellanger Textlänge, dass ich jemanden weiß, der auf seiner Papier-Visitenkarte jahrelang stehen hatte: „Google (sein Name)“, weil er eben derjenige war, der dann auf Platz eins kam. Mit seinem Blog. Er war da nicht der einzige, wir anderen hatten nur keine Visitenkarten.

Das haben die Werber natürlich arg gehasst denn auf diesen Platz eins wollten sie ja mit ihren Kunden hin. Nach ein paar Jahren des offenen Hasses (wer interessiert ist, googelt „Klowände des Internet“) haben sie resigniert und haben geguckt, was Blogger eigentlich so tun. Leider haben sie es es großteils nicht verstanden und konnten es nicht kopieren. Zu weit war es von ihrer Denke entfernt.
Also haben sie angefangen, Blogger zu umgarnen und zu vereinnamen – sie haben es aber natürlich „ernstnehmen“ genannt. (Exkurs: Wer an den Anfängen dieser ersten Zusammenarbeit interessiert ist, der googelt „Opelblogger“. Die teilnehmenden und die diskutierenden Blogs sind afaik alle noch online. Exkurs Ende)
Warum blieb ihnen nichts anderes übrig?
Leider fehlt Werbern genau das, was Blogger ausmacht: Leidenschaft. Auch wenn jetzt die Werber unter den Lesern aufjaulen und sich natürlich leidenschaftlich finden – es gibt einen Unterschied, ob ihr mit Leidenschaft zur Arbeit geht, oder ob man dann in Euren Texten über Schraubenfabrik XY die Leidenschaft für die Schrauben spürt. Ihr wisst das auch eigentlich.
Außerdem fehlt ihnen die Zeit: Welcher Kunde zahlt schon über Jahre jeden Tag eine Texter- und eine Fotografenstunde? (Und welcher Kunde hat soviel zu erzählen??)

Nachdem dann die ersten Blogs Geld machten ohne sich dabei aufzugeben (wie die Mama aus Köln oder die coole Sau aus Kiel zum Beispiel) wurde Bloggen als „Beruf“ natürlich attraktiv. Wer, der sich irgendwann in seinem kleinen Zimmer unter der Treppe bei einem Blogdienst angemeldet hatte um ein paar Gedanken zu Papie… äh Bildschirm zu bringen ahnte schon, dass man da Geld mit verdienen könnte? Außerdem waren selbst die miserablen Preise, die Werber für einen Blogtext ausgaben für jemanden, der noch nie mit Werbung und den realen Kosten für Texterstellung zu tun gehabt hatte, vollkommen jenseits dessen, was sie für „ach, ich hab doch nur was geschrieben und es macht mir doch Spaß“ jemals gedacht hätten verdienen zu können.

Es entstand also das Gerücht, man können mit Bloggen Geld verdienen.

Tja, die Folgen sehen wir jetzt. Menschen, deren Antrieb nicht ist „ich möchte schreiben weil mir das gut tut, weil ich Austausch mag und Menschen kennen lerne“, sondern deren Antrieb „Ich möchte Fame und Geld“ ist, nennen sich Blogger oder Influenza.
Der Preis des Ganzen: Dann müssen sie über Werber-Themen reden und nicht über ihre eigenen Inhalte oder ihre Leben. Muss nämlich gerade das neue Buch von Susanne Fröhlich verkauft werden, dann ist es uninteressant, wenn im Blog gerade seitenlang der Fund der signierten Thomas Mann -Gesamtausgabe auf Papis Speicher abgefeiert wird.
So schwindet in den kommerziellen Blogs genau die Vielfalt, die man als Blogleserin eigentlich am Medium schätzt. Deswegen häufen sich Lifestyle- und Family-Blogs, die alle über den gleichen neuen Advents-Dekotrend schreiben. Die, um sich abzuheben, verzweifelt nach SEO-Richtlinien schreiben müssen, weil sie genau wissen, dass ihre sogenannten Kooperationen sofort aufhören, wenn sie nicht genügend Leser nachweisen. („Kooperation“ ist übrigens ein anderes Wort für „schlechtbezahlte Zeitarbeit ohne Kündigungsschutz“.)

Ich garantiere: Die meisten sog. Profiblogger sind heimlich unfassbar neidisch auf die nicht-kommerziellen Blogs, weil sie keine Blogger sondern Werber sind – oder Werbern und ihren Versprechen auf den Leim gegangen sind. Weil sie um jeden Klick kämpfen wie blöde, während Frau Brüllen 19.000.000 Besucher hat mit ihren abendlichen Lilalaune-Postings mit Tippfehlern und Schachtelsätzen out of hell.
Weil sie nicht schreiben können, was sie bewegt, sondern was gerade sogenannter Trend ist. Weil sie Follower und Klicks kaufen müssen um so groß zu erscheinen, dass sie Geld verdienen können.
Merken sie aber nicht selbst, um mal einen typischen Twitterspruch zu verfremden.

Das alles ist übrigens überhaupt nicht wichtig. Ob jetzt die wahren Blogs die sind, die kein Geld machen (wollen) oder die, die sich von einer Kooperation zur anderen hangeln ist so wichtig wie der berühmte Sack Reis in China. Nur wenn man sich auf diesem Feld bewegt, dann ist es schön das alles zu wissen. Damit man zB nicht Blogs und Blogs verwechselt.

Bitte lesen Sie auch diese weiteren Gedanken des Herrn Webrocker.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

117 Reaktionen

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Am 24.11.2017 um 8:46 Uhr antwortete Thomas Gigold auf facebook:

*hihi


Am 24.11.2017 um 8:51 Uhr kommentierte Jens:

Damals(TM) haben wir gesagt, man kann die Leute, die Blogs nicht verstanden hätten daran erkennen, dass sie „der“ Blog sagen, im Gegensatz zu „das“ Blog.


Am 24.11.2017 um 8:51 Uhr kommentierte Anke B Punkt auf facebook:

Jap! Und vor allem die Lust, einfach draufloszuschreiben ist mir völlig abhanden gekommen. Wenns nicht *bling bling* ist, nicht normschön und überhaupt- ach. mich verzweifelt das.


Am 24.11.2017 um 8:52 Uhr kommentierte Tom Tinkerson auf facebook:

besser: „… alle (kommerzielle) Blogs gleich sind“.
Als kleines gallisches Blogdorf mit zero kommerziellem Hintergrund/Gedanken möchte ich da nicht in den Topf geworfen werden. ;)


Am 24.11.2017 um 8:55 Uhr schriebfrau bruellen:

<345 (und die tippfehler kommen von der englischen autokorrektur auf dem laptop. manchmal 😂)


Am 24.11.2017 um 9:16 Uhr meinte Little B. auf facebook:

Ich mag „Influenza“ (also weder haben noch sein, aber das Wort an der Stelle)


Am 24.11.2017 um 9:16 Uhr schriebTheMM:

Naja, das ist doch eigentlich in allen kreativen Bereichen so, und Bloggen zähle ich dazu. Schau dir Musiker, Autoren, Fotografen an. Es gibt die, die aus Leidenschaft und ohne kommerziellen Hintergrund frei ihr Ding machen, und es gibt die, die versuchen damit Geld zu verdienen und sich damit dem „Mainstream“ (was auch immer das gerade bedeutet) beugen müssen. Und diese kommerziellen schauen sicherlich das eine oder andere Mal mit einem neidischen Auge auf die Enthusiasten…


Am 24.11.2017 um 9:29 Uhr ergänzte Kiki auf facebook:

„Kooperation“ ist übrigens ein anderes Wort für „schlechtbezahlte Zeitarbeit ohne Kündigungsschutz“. – Darf ich Dich küssen?


Am 24.11.2017 um 9:46 Uhr antwortete Magnus der Magier auf facebook:

„Mama aus Köln, coole Sau aus Kiel, Opelblogger“ – das weckt fast archaische Erinnerungen und ich weiß sogar noch, wer gemeint ist …


Am 24.11.2017 um 9:48 Uhr wusste Kiki:

Werber kennen keine Leidenschaft, nur Leiden. Und schaffen tun sie auch nichts. Echte Blogger, echte Influencer sind Macher, Ausprobierer, Spielkinder. Diese coole Sau aus Kiel ist in ihrer ganzen schnodderigen laissez-faire Art, die diesen verkniffenen FAZ-Blogger immer so auf seine bajuwarische Palme bringt, der Inbegriff von Leidenschaft und Arbeit 24/7, die sich aber für sie selbst nicht so anfühlt und für uns Zuschauer und Leserinnen nicht sichtbar ist.


Am 24.11.2017 um 9:56 Uhr antwortete Kiki auf facebook:

Ich erinnere mich an die Diskussionen in unserer PR-Agentur damals… wer von den vieren war am glaubwürdigsten, und die Kunden, die wollten, dass wir die vier für Produkt X buchen. 😂 „Blogger Relations – nix verstanden seit 2005“


Am 24.11.2017 um 11:22 Uhr wusste Christian G. auf facebook:

„Lilalaune-Postings mit Tippfehlern und Schachtelsätzen out of hell“ ist sowas wie das Executive Summary über @FrauBruellens Blog.



Am 24.11.2017 um 11:26 Uhr antwortete (((C. Fischer))) auf facebook:

schön dass du das auch so siehst.


Am 24.11.2017 um 12:33 Uhr wusste kinderdok:

Ich habe gleich meine unverlangt zugesandten Rezi-Buchexemplare vertütet und in den Open-Book-Schrank in der Nachbarschaft gestellt. Damit ja keine Verdacht der Bereicherung aufkommt.
*schnell nachgeschaut, Mist, ich blogge erst seit 2006*


Am 24.11.2017 um 14:18 Uhr wusste Steffen auf facebook:

Hach, man kann dich einfach nur gern haben!


Am 24.11.2017 um 16:52 Uhr antwortete Dominik Freitag auf facebook:

Ein sehr sehr guter Artikel! (sagt ein Werber mit unkommerziellem Blog)


Am 24.11.2017 um 20:32 Uhr antwortete Nessa auf facebook:

Danke für den erhellenden Artikel. :) Da bin ich doch froh, mit meinem Blog sehr special interest und damit kommerziell uninteressant zu sein. ;)


Am 25.11.2017 um 11:31 Uhr sagte Herr Rpunkt auf facebook:

Ganz viel Liebe für den Artikel von @jawl


Am 25.11.2017 um 20:16 Uhr schriebHorst Schulte:

Influencer/Influenza. Was solls? Klingt ähnlich und beides nervt total. Ich finde den Artikel wunderbar und sehr zutreffend. Danke dafür. Das Thema hatte ich auch gerade. https://goo.gl/hvfCmp Nur – zugegeben: nicht so gut.


Am 26.11.2017 um 5:57 Uhr kommentierte Klaus-Peter:

Schön, mal wieder Frau Fröhlich erwähnt zu finden – das war doch die mit „Yoga und Quark“? Und wer darüber gebloggt hatte, tat daas, weil es alle machen? Dann sind doch alle Blogs gleich ;-)


Am 26.11.2017 um 7:39 Uhr antwortete pyrrhussieg:

Um #2 aufzugreifen, was für mich nach wie vor der zentrale Indikator ist: Einigen wir uns für den Blick nach vorne doch einfach auf einen anderen Artikel: DIE Weblog. So könnte man besser differenzieren: DAS Weblog: War einmal, aber stirbt. DER Weblog: Lost like said. DIE Weblog: Symbolisiert, Englisch ausgesprochen, den Untergang aller ebd. Blogs. Und es steht, Deutsch ausgesprochen, für eine bessere, weibliche Epoche…


Am 26.11.2017 um 12:02 Uhr sagte ClaudiaBerlin:

Hab‘ dich in meine „statt einer Blogroll“-Seite aufgenommen:

http://www.claudia-klinger.de/digidiary/meine-blog-bibliothek/

hoffe, das ist ok!


Am 26.11.2017 um 12:51 Uhr sagte Christian:

@Claudia: Natürlich!


Am 26.11.2017 um 17:09 Uhr antwortete Sabine Warz:

Haha, wie schön: „>>„Kooperation“ ist übrigens ein anderes Wort für „schlechtbezahlte Zeitarbeit ohne Kündigungsschutz“<< … ja, schon traurig, besonders weil inzwischen an diesen "Kann ich von meinem Blog leben?"-Traumern jetzt diejenigen sich die Taschen voll machen können, die zu Workshops einladen mit den Theman "du darfst Deine Arbeit nicht zu billig verkaufen", "du brauchst ein Media-Kit" und "meine Leserreise in die rumänische Teppichfabrik" statt "Altersarmut" und "Scheinselbständigkeit"


Am 27.11.2017 um 17:54 Uhr schriebFujolan:

Interessant interessant was Leute in diesen Artikel reinlesen, das da so nicht steht.
In dem Text steht nicht „Bloggen gegen Geld ist doof“. Auch nicht „du sollst kein Geld nehmen“.

Sondern: In dem Moment, wo ein Blog zu einem Produkt am Markt wird, in dem Werbung läuft, in dem Moment kann das zur Folge haben, dass alle sich nach möglichen Kunden(Werber)Wünschen und SEO richten. Das wiederum sorgt für Veränderung in den Inhalten in vielen vielen Fällen

Wir könnten eine Sliding Scale der Blogs von „no Werbung niemals“ bis hin zu „Bewerbe alles“ ausrichten. Und dann wäre auch noch die Frage, ob Readons Besprechung der Dubliner Kantine Werbung oder das Gegenteil wäre ;-)


Am 27.11.2017 um 17:55 Uhr schriebFujolan:

Und als Arbeitsrechtlerin geht natürlcih mein Herz auf bei „schlechtbezahlte Zeitarbeit ohne Kündigungsschutz“. Jepp. Wievielen Naivlingen das einzukneten ist. ….


Am 27.11.2017 um 22:16 Uhr kommentierte Christian:

@Fujolan:
> Interessant interessant was Leute in diesen Artikel reinlesen, das da so nicht steht.

Ja, das finde ich auch spannend. Vielleicht weil die meisten Artikel zu dem Thema eine klare Stellung für oder gegen eine der „Gruppen“ beziehen.


Am 02.12.2017 um 9:56 Uhr sprach Eddy:

„Leider fehlt Werbern genau das, was Blogger ausmacht: Leidenschaft.“

Mit diesem Satz hast Du alles gesagt und auf ein Wort konzentiert. Danke dafür!

Ich möchte noch kurz meine Ansicht zum Thema „Profiblogger“ da lassen (hab’s auch eben bei Frau Brüllen geschrieben, die ich durch Dich gefunden hatte).

Ich betreibe meinen Blog seit 10 Jahren als reines Hobby. Hin und wieder nehme ich eine Kooperation an – wenn Sie passt und wenn ich Lust habe. Geld verdienen will ich damit nicht. Aber ich bemühe mich trotzdem, „professionell zu bloggen“. Für mich hat das nichts mit dem Motiv zu tun, Geld verdienen zu wollen.

iIch versuche, meinen Lesern ein angenehmes Erlebnis zu bereiten. Das fängt an mit dem Layout des Blogs (gut lesbare Schriftgröße, responsives Design) und geht weiter mit dem Inhalt. Ich achte auf meine Rechtschreibung und lese mir alles x-mal durch, weil ich sicher sein will, dass alles verständlich geschrieben ist und nicht durch zu viele Verschachtelungen der Faden verloren geht…


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